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Anreise

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Der Aufbruch (in Berlin) gegen 10.30 h ist geprägt von (etwas) Hektik und Nervosität. Dazu versagt noch der Geldautomat am Hackeschen Markt... nach ca. 30minütiger S-Bahnfahrt erreichen wir rechtzeitig den Flughafen Schönefeld. Bereits begleitet von späteren Mitreisenden, wie sich später noch herausstellen wird. Die Sicherheitskontrolle verläuft unproblematisch, da wir keine Gaskartuschen im Gepäck und keine Sprengsätze in den Schuhen mit uns herumtragen. Lediglich über Streichhölzer müssen wir kurz diskutieren – Sturmstreichhölzer, die man auch zu Bengalischen Feuern umfunktionieren kann!
In der Schleuse zwischen Einlasskontrolle und Flugzeug heißt es zwischen anderen Wartenden, angebotenen Duftwässerchen, Sonnenbrillen und Alkoholika die Zeit totzuschlagen. Jetzt zeigt sich, wer den Weg mit uns teilt: ein deutscher Waldschrat, andere Touristen, heimreisende Isländer und polnische Wanderarbeiter.
Selbst alle drei unterschiedlichen Frauen, die man vorher mit Gitarre im Handgepäck herumlaufen sah, gehen mit an Bord! Dort bekomme ich nach dem Vorzeigen mein Ticket mit einem freundlichen Zahnpastalächeln und „Gerdu svo vel“ zurück. Simon freut sich über seinen Fensterplatz – dort hat es sich bereits eine Frau bequem gemacht, die mir auf isländisch erklärt, dass sich der von uns reservierte Platz am Gang befinden würde. Sie ist sehr beharrlich! Die Stewardess muss ihr schliesslich klarmachen, dass sie sich irrt. So muss sie auf den Platz am Gang umziehen, wo sie beinahe während des ganzen Fluges polnische Zeitschriften liest.
Nach über 20 Jahren „am Boden“ ist das heute der erste Flugversuch - klar, dass ich sehr gespannt und gebannt bin. Der Himmel über Berlin – jetzt habe ich ihn gesehen- wunderbare scharfgeschnittene Wolken und das Land mit Seen und Sonnenflecken übersät. Es ist so grossartig! Dann vergeht die Zeit „wie im Flug“: sehr schnell sind wir über der Ostsee, über Bornholm, über dem wenig exotischen Südschweden, über dem schon ganz unverwechselbarem Norwegen und bald über dem offenen Meer. Für mich alles gesehen wie noch nie: Schiffe, Städte, Felder, Seen und alles, was einem sonst nur aus der Froschperspektive erscheint. Anna sitzt ja nicht am Fenster und lässt sich nur ab und zu ans Fenster zerren. In Gedanken ist sie wohl schon bei der Ankunft in ihrem gelobten Land? Auch die drei Stunden Flugzeit sind bald vergangen, das Ziel kommt in Sicht, auch wenn dort der Himmel verhangen ist. Wo die Wolkendecke ein wenig aufgerissen ist, erhaschen wir nun spannende Ausschnitte des Fotobandlandes...
Dann stolpert man irgendwann beinahe wie von selbst vor den Flybus/shuttle nach Reykjavik. Wieder dabei: die Gitarrenfrauen, das Pärchen und andere bekannte Gesichter. Eine isländische Frau telefoniert unentwegt mit ihrem Handy, während die zunächst flache bräunlich-schroffe Landschaft vorbeizieht und dabei wenig spektakulär erscheint – zu meiner Enttäuschung.
Warum gibt es nur überall diese Baustellen? Viele Neubauten und neugebaute Siedlungen, als wäre das Land gerade erst von modernen Siedlern bevölkert worden. Auf den Lavafeldern rechts und links der Landstraße ducken sich an den jeweils höchsten Punkte Felsgestalten – sind sie künstlich geschichtet oder natürlichen Ursprungs? Die meiste Zeit sehen wir öde Steinsteppe, deren Oberfläche an manchen Orten aussieht wie eine frisch geborstene Asphaltdecke oder eine Brotkruste. Nach ca. 45 Minuten entlang der Küste beginnen die Vororte von Reykjavik – auch hier wirkt alles wie gerade erst erbaut. Die von Bildern bekannte weisse Kirche (sieht eher grau aus) verrät uns, dass wir uns dem Zentrum nähern und plötzlich sehen wir schon den Busbahnhof. Weil der Flieger mit mehr als 1 Stunde Verspätung in Keflavik gelandet war, schien die verbleibende Zeit sehr knapp, um noch Gaskartuschen für unseren Kocher und Margarine zu kaufen...



Der BSI-ZOB liegt nicht offensichtlich im Stadtzentrum, in der Nähe gibt es daher keine Einkaufsmöglichkeiten. Von aussen erinnert er an eine Tankstelle mit einem grossen Sandparkplatz davor. Von innen kommt man in eine Art kleine Bahnhofswartehalle nebst Imbiss, der nationaltypische snakks wie z.B. eben geschmorten Schafskopf (komplett) auf der Karte stehen hat. (Unübersehbar weist schon das Logo des Imbisses darauf hin – es zeigt einen lachenden Koch, der einen ebenso lachenden, gehäuteten Schafskopf auf einem Teller präsentiert)
Am Schalter der kleinen Bahnhofshalle überfordern wir die dahinter tätigen Damen mit unseren vielen detaillierten Fragen nach Busverbindungen. Sie sind sehr freundlich, können dabei aber nicht ein Gefühl von Sicherheit bei uns erwecken, dass die Informationen verlässlich sind. Immerhin gelingt es uns, ein Busticket nach Borgarnes bzw. Vegamot zu kaufen. Angeblich soll es in Borgarnes möglich sein, an der Tankstelle die von uns so sehr benötigten Gaskartuschen zu bekommen. In der bangen Hoffnung, dass es stimmen möge, wollen wir mit dem Bus um 17.30 h dorthin aufbrechen. Die restliche Wartezeit bis dahin nutze ich zum Geldziehen – was problemlos funktioniert – und um nochmals am Schalter Erkundigungen wegen des Rückwegs zur Fähre einzuholen. Schliesslich werde ich gebeten, mir die gewünschten Informationen selber per Telefon zu holen, da jetzt so viel zu tun sei gerade...und es stimmt: die Halle hat sich nun merklich gefüllt.



Meist sind Busbahnhöfe ein Nadelör für verschrobene Typen und Treffpunkt für illustre Gestalten. Hier hält sich das Potential in Grenzen, hauptsächlich Jugendliche und Touristen nutzen die Busse, selten ein Isländer, dem dann vermutlich der Führerschein entzogen wurde, da die Inselbewohner entschieden automobil sind. Immerhin scheint eine Gruppe Halbwüchsiger bemüht dem Klischee der cool-urbanen, kreativen Reykjaviker zu entsprechen. Insgesamt dauert unser Aufenthalt eine Stunde. Jetzt rollt der so gut wie leere Bus auf der Ringstraße gen Norden. Alle Leute, die uns begegnen, prüfen wir neugierig, und versuchen durch Beobachtung auch das Wesen des Busfahrers und dadurch den isländischen Nationalcharakter zu ergründen. Allerdings ohne abschliessendes Ergebnis, jedoch ist der rotgesichtige Fahrer uns beiden sehr sympathisch. Die Landschaft wird (nachdem wir die wenig bemerkenswerten Ausläufer der Stadt hinter uns gelassen haben) abwechslungsreicher und bietet nach und nach mehr Aussichten, die zu Ausflügen locken. Meer bzw. Küste auf der einen Seite der Ringstrasse, zur anderen schroffe, kahle Berge– dazwischen Weidelandschaft, sehr klein wirkende vereinzelte Höfe und - Baustellen. Leider gibt es auf unserer Urlaubsinsel mittlerweile Niederschläge. Mehr als über den Regen machen wir uns Sorgen, dass sich die Mutmassung der Dame am Schalter des Busbahnhofes, es gäbe in Borgagnes bestimmt Gas zu kaufen, nicht bewahrheitet... Schließlich aber Erleichterung: Wir sind an der Tankstelle angekommen, die gleichzeitig Bushaltestelle ist. Und hier führen sie nicht nur Gas und Margarine, sondern auch sonst wirklich alles was das Herz begehrt, amerikanische DVD, Lebensmittel (zu gar nicht mal so hohen Preisen) und das halbe Sortiment eines Ausrüstungskaufhauses. Wir freuen uns und vertreiben uns die 1 Stunde Wartezeit wiederum mit dem Studium von Menschen, ausliegenden Broschüren, die sich an Reisende richten und suchen im Angebot des Ladens nach skurrilen Nahrungsmitteln. Motorisierte Deutsche bilden vorübergehen die Mehrheit vor Ort (evtl. eine Busladung) ansonsten ließ sich nun eine in Island bei Mädchen auftretende unverwechselbare Schädelform bestimmen. Wir erwerben etwas von dem getrockneten Fisch, den die Leute hier wie Chips vor sich hinknuspern sollen. Anna, die angeblich am Flughafen Till Schweiger gesehen haben will (ich glaube ihr das) hat dafür den leibhaftigen Nói Albinói verpasst, den ich –wie im gleichnamigen Film- am Glücksspielautomat der Tankstelle stehen sah! Und dabei habe ich sie doch angestupst und in seine Richtung gezeigt. Wie sich im Nachhinein herausstellt, hat sie aber gedacht ich wollte ihr etwas anderes zeigen... oder habe ich mir die Erscheinung nur eingebildet? Als wir diese Sache abends im Zelt erörtern, denke ich an den Spruch von Susann, dass man auf Island seinen Sinnen nicht immer trauen kann...
Für den Anschlussbus nach ólavsvik findet sich noch Reisebegleitung aus deutschen Landen...
3 grosse Rucksäcke mit 2 jungen Frauen, die die Begleitung eines jungen Mannes darstellen. Dieser sucht sogleich Kontakt und freut sich, sein enormes Wissen, was Ortskenntnis etc. betrifft, in Form eines Männer-Fach-Gesprächs weitergeben zu können. Simon ist sofort ein wenig genervt von diesem „checkertum“. Ich denke, dass es evt. einfach nur nett gemeint ist – bin aber trotzdem heilfroh, mich – wie die anderen beiden Frauen- in Schweigen hüllen zu können. Konversation zu betreiben, danach steht mir – wie so oft- gar nicht der Sinn...ich fühle mich doch erschöpft vom Reisetag und wische immer wieder die beschlagene Fensterscheibe des VW-Busses ab, der uns weiterbringt zum Eldborg, um Blicke auf die wolkenverhangene Regenkulisse zu erhaschen. Am Steuer ein freundlicher rundlicher Mann mit Mondgesicht, der uns offenbar für etwas verrückt hält, da wir ihn gebeten haben, uns in „Grund“ aussteigen zu lassen. Zu Recht fragt er sich wahrscheinlich, was man dort spät abends im strömenden Regen wollen kann und ist sich schliesslich unsicher, ob wir uns nicht missverstanden haben...bei einem kurzen Halt am Strassenrand zwecks Blick auf die Karte sehe ich durch meinen kleinen Fensterausschnitt einen Schwan in einer Pfütze schwimmen. Aufgescheucht erhebt er sich in die Luft und fliegt über unseren Bus hinweg in die verregnete Finsternis. Die Fahrt geht noch ein kurzes Stück weiter.
An einem Anwesen, dass aus einem Wohnhaus und einem Stall besteht stoppt der Fahrer den Bus, nachdem er in die Einfahrt eingebogen ist. In trockenstem Tonfall verkündet er nur : “Grund“ (sprich:Grönd). In diesem durch das ö gemörteltem Wort steckt das ganze Unverständnis des Fahrers für unseren Wunsch, nach der Reise um die halbe Welt an diesem Ort auszusteigen. Es dauert einen Augenblick, bis wir uns selber wieder unserer Sache sicher sind und uns mit unserem Gepäck absetzen lassen. Grund wirkt verlassen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite befinden sich in einiger Entfernung zwei weitere Höfe, an denen auch Fahrzeuge (LKWs, Trecker, Geländewagen) stehen und Anna meint, hinter den Scheiben die Bewohner ausmachen zu können, die uns neugierig beobachten. Kein Wunder, wahrscheinlich hält der Bus hier sonst nie! Die nähere Umgebung besteht aus ebenem Weideland, landeinwärts sehen wir unvermittelt steile Berge, deren oberer Teil aber von Wolken verschluckt wird. Die Küste ist einige Kilometer westlich, in diese Richtung sehen wir das erste Ziel unserer Reise, den Eldborg. Schon eine Weile vor der Ankunft in Grund sahen wir diesen markanten Krater aus dem Gelände ragen. Die Form ähnelt einem in rundem Schwung nach oben zulaufenden Rumpf, der auf mittlerer Höhe gerade abgeschnitten ist. Von hier aus soll unsere Wanderung losgehen - und nun können wir uns erstmal über einen Weidezaun schlagen. Es muß gesagt werden, dass in verschiedenen Quellen immer wieder von einem von der Straße zum Eldborg führenden Wanderweg die Rede ist. Der einzige in diese Richtung führende Pfad ist auf unserer Karte eben mit Startpunkt „Grund“ verzeichnet. Nun wo wir hier sind, findet sich keinerlei Hinweis darauf, geschweige denn ein Wanderweg. So wie die Reisebuchautoren alle voneinander abzuschreiben scheinen, müssen die Eintragungen auf den Wanderkarten wohl auf Überlieferungen aus dem Mittelalter beruhen. Immerhin liegt das vorläufige Ziel vor Augen und weist uns den „Weg“: durch Pfützen und Wiese laufen wir nun entlang einer Treckerfahrspur durch den Regen. Von uns nie gehörte Vogelrufe (Regenpfeifer?) begleiten uns, ausser einem Schneehuhn sehen wir jedoch kein Geflügel. Anna möchte bald nicht mehr weiter und macht den Vorschlag, auf einer Wiese unser bzw. ihr Zelt aufzuschlagen...
...weil es sich um eine absolut ebene Fläche handelt und weil mich Regen und Erschöpfung nach einem schnellstmöglichen Dach über dem Kopf trachten lassen, damit ich diesen in meinem Schlafsack vergraben kann und das elendige Wetter nicht mehr sehen muß. Simon möchte sich – wie so oft- nicht mit der erstbesten Gelegenheit zufriedengeben. Er wünscht sich eine windgeschütztere Stelle. Mir kommt es vor, als würde er am liebsten noch bis zum Eldborg weiterlaufen. Mit zügigen Schritten prescht er voran, ich taumle leise vor mich hin schimpfend hinterher und habe meine Not mit dem schlammigen Weg. Der einzige Lichtblick sind sparsam verteilte fast kreisrunde Moospolster mit winzigen leuchtendrosafarbenden Blüten darauf. Sie heben sich stark vom braunen bröckligen Untergrund ab. Plötzlich wird Simon ausgebremst durch einen Bach, den es zu überqueren gilt. Er schlängelt sich sehr hübsch durch grünes Moos und ist für mich wohl mindestens knietief. Es kostet etwas Zeit und (meine) Nerven, bis eine geeignete stelle zum Überqueren gefunden ist, wo man über einige grosse Steine balancieren kann. Danach hat man das Gefühl, eine Art Burggraben des Eldborg überwunden zu haben.
Nicht weit findet sich ein Platz zwischen einigen Krüppelbirken, die etwas Windschutz bieten. Den konnten wir im Verlauf der nächsten Stunden ja tatsächlich brauchen. Vorerst ist es nur der Regen, der uns in unser eilig errichtetes Lager treibt, schnell ist alles im Zelt verstaut und ich setze den Kocher zusammen, um Wasser für eine Supppe zu erhitzen – dies geschieht zur Sicherheit vor dem Zelt, wo ich selbst den Windschutz bilde. Die Fertigsuppe „Spinat-Gorgonzola“ ist zwar kein unvergesslicher Genuß, aber wir runden das Abendbrot mit Nussmischung und zwei Fruchtriegeln ab. Tatsächlich – wir sind nun angekommen. Nicht ganz am Krater wie geplant, aber doch das größte Stück des Weges von Berlin bis zum Eldborg. Wir schlafen sehr bald zum Gesang noch ungesehener Vogelarten.
Zum Glück friere ich nicht in meinem Schlafsack. Und dass es nichts zu heissen hat, wenn der Wind das Zelt laut flattern lässt, hatte ja bereits der Test in Tönning erwiesen. Nachts habe ich ereignisreiche Träume. In einem, der sehr real wirkt, befindet sich an der Seite, wo Simon liegt, plötzlich ein Schlitz in der Zeltwand. Ich kann hindurch nach draussen schauen und erblicke dort eine schwarze Katze mit gelben Augen und einem Buckel. Ich rufe noch Simon zu: „Guck mal! Da draussen – eine Katze! Die will bestimmt zu uns reinkommen!“ Aber er reagiert nicht und schon ist der Spuk auch wieder vorbei. >>>>