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10. Tag | Von Arnastapi bis Olafsvik

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So stapfen wir also gegen Mitternacht weiter durch das Lavafeld, durch den Teil, der nicht unter Naturschutz steht. Als würde unsere Entscheidung belohnt, regnet es immer schwächer, dafür ist der Wind, der ja auch die Wolken vertreibt, relativ stark. Trotzdem verdecken die Wolken das Licht des nächtlichen Sonnnenscheins, so dass es eher neblig-dunkel und geheimnisvoll ist auf unserer Nachtwanderung. Das Lavafeld, aus dem überall die Zacken wie Figuren ragen (allerdings nicht so dicht wie beim Eldborg), wirkt gespenstisch und erinnert mich an ein Schlachtfeld. Es ist so, als würden wir auf der Frontlinie entlanggehen, während auf beiden Seiten Soldaten knien oder liegen oder ganz entfernt stehen. Ich kann mir plötzlich sehr genau vorstellen, wie es sein muss, wenn man sich mit anderen Leuten gegenseitig erschießen muss – grauenvoll! Das Lavafeld geht irgendwann in eine Wiesenlandschaft über, der Ozean ist nähergerückt. Ein Anblick, den ich gemalt hätte, wenn ich es könnte: die Wiese, am Horizont eine Felsenmauer aus Lava mit Figuren, die darauf zu sitzen scheinen wie Wächter, und dahinter rauschen die hohen Wellen des Ozeans an – der Himmel ist grau...ich kann so was nicht beschreiben, nur versuchen, in Erinnerung zu behalten. Der Weg führt auch an einer Herde Schafe vorbei, die richtig leuchten, in dem seltsamen Licht. Immer wieder kommen wir an Höfen vorbei, die einzeln am Wegesrand liegen. Der starke Wind setzt auch den Vögeln zu, die kreischend über unseren Köpfen herumflattern. Zur Straße hin laufen wir auf eine besonders bunte und schön geformte Berggruppe zu, mit einem schlichten weißen Haus davor.
Wir sind nun auf der Landstraße angekommen, die nach Arnarstapi führt – dadurch, dass wir die Landstrasse wählen, vermeiden wir weitere Bachüberquerungen und andere böse Überraschungen. Am nun etwas entfernten Strand soll es sich auch (wie wir gehört haben) nicht so gut laufen lassen, da dort der Sand lose sei. Die Höfe, an denen wir vorbeikommen, träumen im Zwielicht der kurzen, hellen Nacht. Schlafend und meist mit einem Halogenstrahler oder einer starken Lampe am Giebel, entfalten sie z.T. einen eigenen Ausdruck, wirken so, als trügen sie Züge eines Gesichtes, schweigend und beredt zugleich. Stumm ziehen auch wir vorbei, den Blick auf Meer, auf die Berge oder an den Himmel gerichtet, wo die Wolken nun an einer Stelle ganz aufgerissen sind und wir den hellen Nachthimmel sehen. Die Rucksäcke wiegen schwer und Kilometer um Kilometer taucht vor uns auf und verschwindet wieder. Beschwerlich und doch traum-haft. Die letzte Strecke des melancholisch stimmenden Weges ist eine unasphaltierte Ausbaustrecke. Bei einer Pause reden wir über die beste Möglichkeit, einen Zeltplatz für kurzen Morgenschlaf zu finden; bei der Frage, ob wir uns deshalb eine auf der Karte verzeichnete Höhle kurz vor dem Ort ansehen sollten, führt mal wieder zu Meinungsverschiedenheit.



Wir durchqueren mittlerweile wieder die Trümmer eines Lavafeldes, interessante Anblicke liefern dabei ununterbrochen die nahen Berge und die zögerlichen Lichterscheinungen des dämmernden Himmels. Bald sind wir auf der Höhe der Straße, wo sich eine Baustelle befindet. Und da es nicht mehr weit ist nach Arnastapi, halten wir Ausschau nach einer Bleibe. An einer Stelle im Lavafeld scheint es einige ebene und dennoch windgeschützte Ecken zu geben, die darüber hinaus leicht zu erreichen sind. Über uns entfaltet sich ein wolkenreicher aber wunderbar beleuchteter Morgenhimmel, von dem gelegentlich ein Lichtstrahl fährt. Das Meer leuchtet ebenso farbig, wie Berghänge und Wolken. An einem uns geeignet erscheinenden Platz beginnen wir unser Zelt auf einer weichen Kiesbank ein gutes Stück von der Strasse entfernt aufzubauen - hier halten die Heringe schlecht, doch es ist so windstill, dass eine Feder zu Boden fallen würde. Unser Zelt steht schon - da reißt eine Böe plötzlich das Ganze in die Höhe, die Heringe fliegen durch die Luft und wir haben Mühe, das Zelt zu festzuhalten. Kurz darauf machen wir einen zweiten Versuch, doch wiederholt sich der Vorfall. Das Ganze ist ein bisschen unheimlich - als wollte uns das Lavafeld davonjagen... So suchen und finden wir einen anderen Platz weiter in Richtung des Ortes, der gleichermaßen unsere Kriterien erfüllt und legen uns schließlich (es ist jetzt schon 5.30 Uhr) zu einem Morgenschlaf nieder.
Bis wir nach ca. 3 Stunden von einem donnernd dröhnenden Geräusch geweckt werden. Ungewöhnlich und unheimlich klingt es - bis uns schnell die riesigen Baumaschinen oben auf der Strasse in den Sinn kommen: das Donnern wird verursacht durch den Aufprall abgetragener Gesteinsbrocken, die vom Bagger auf den LKW geschleudert werden. Das Weckerklingeln mischt sich auch in die Geräuschkulisse – Regen zum Glück nicht. Nach einer Portion „Frischkornbrei“ geht es zügig weiter in den Ort Arnarstapi hinein. Mir gefällt er nicht; sieht aus wie eine riesengroße Ferienhaussiedlung. Hinter uns läuft eine junge Frau, die aus dem Nichts aufzutauchen scheint. Wir fragen sie nach dem Bus, mit dem wir um 13 Uhr nach Ólavsvik fahren wollen. Sie verweist uns auf den zentral gelegenen Kiosk, in dem sie selbst ebenfalls verschwindet, nachdem sie kurz mit einer schnappenden Handbewegung eine „Kría“ verscheucht hat. Im Kiosk wird man zunächst von einem Wahnsinns-Süßigkeitensortiment empfangen; auch Strickpullover werden verkauft. Ich klingele nach einer Person, die uns vielleicht weiterhelfen kann. Ein junger Blondschopf erscheint vor den Süßigkeiten. Wegen des Busses ist er nicht so sicher, er winkt uns mit nach hinten in eine kleine Gaststätte. Dort fragt er die Kolleginnen. Nach kurzer Diskussion stellt sich heraus, dass der Bus tatsächlich unserer Information gemäß fährt und zwar auch vom nächsten Kaff namens „Hellnar“ aus. Dort gibt es ein Nationalparkinformationszentrum mit Dauerausstellung, die wir gern noch anschauen möchten, was zeitlich noch zu schaffen sein müsste. Wir spazieren also los, über uns kommt die Sonne zum Vorschein. Der Strand hier ist relativ bevölkert mit Spaziergängern, offenbar viele deutsche Touristen darunter, die per Mietwagen angereist sind und nun ihre Outdoor-Kluft in den Wind halten. Wir fallen schon auf mit unserem Wandergepäck und den seltsamen Stöcken. Von einem Strand im herkömmlichen Sinne kann man jedoch nicht sprechen, wie sich bald herausstellt: am Wasser angelangt, stehen wir an einer Steilküste aus schwarzem Lavagestein, das eine Landschaft aus Höhlen und Torbögen bildet...bzw. wurde diese vom Meer gebildet, dessen Brandung sich meterhoch an den Felsen bricht und Funken sprüht, um dann z.T. in grottenähnlichen schwarzen Löchern am Boden zu verschwinden. Auch hier eine enorme Bevölkerung – durch Möwen, die dicht an dicht oben in den Nischen der Lavablöcke nisten.






Vgl. S. 79 Mitte Am Gletscher
Was ist wohl das Gestein? Lava? Basalt?
Einwirklich beeindruckender Anblick, der sich von der bisher gesehenen Küstenlandschaft deutlich unterscheidet. Die Säulen, Brücken, Höhlen und Grotten säumen unseren Weg bis nach Hellnar. Die anderen Touristen werden immer weniger, bzw. bleiben bald ganz aus. Auf diesem schmalen Pfad hat auch kein Mietauto Platz. Bei der Ankunft in Hellnar würde ich ausnahmsweise gern für ein paar Meter tauschen mit denen. Der Weg zum Nationalparkzentrum geht steil bergauf.
Ähnlich wie Arnarstapi ist dieser noch kleinere „Ort“ eine Ansammlung von scheinbar zufällig verstreuten Gebäuden, die sich nicht in erkennbarer Form an Wegen oder um ein Zentrum anordnen. Es gibt wenige, ältere Häuser in der Art der Höfe, wie wir sie auch entlang der Landstraße sahen und in denen die 9 ganzjährig anwesenden Bewohner Hellnars wohnen. Dazu kommt eine größere Anzahl kleinerer, offensichtlich erst kürzlich errichteter Sommer- und Gästehäuser, die ähnlich wie in Arnarstapi noch zielloser verstreut liegen, als die wenigen Wohnhäuser. War in Arnarstapi das Gasthaus mit Kiosk und Zapfsäule der Mittelpunkt der Siedlung, d.h. Haltestelle des Busses, ist es in Hellnar der Schnittpunkt zwischen einem neu entstandenem Hotel, dem Nationalparkzentrum und einer Kirche. Klitzeklein wie alle hier und vom Aussehen an die „Zigarettenkirche“ aus der Anna-Simon-Saga erinnernd. Das Nationalparkzentrum ist in einer ehemaligen Gaststätte untergebracht, die umgebaut und ganz frisch eingerichtet wurde. Man könnte denken, der Beton sei noch nicht trocken und wir fürchten erst, es sei nicht geöffnet. Drinnen ausgestellt ist überwiegend unkommentierte Volkskunst (geschnitzte Figuren) und stark vergrößerte Fotografien aus den 30er/40er Jahren, die das Leben in Hellnar dokumentieren, das zu dieser Zeit noch deutlich die Spuren vergangener Jahrhunderte zeigt. Diese Fotos sind nur auf Isländisch erläutert, sprechen aber für sich und sind auch als Postkarten erhältlich. In einem angeschlossenen Raum ist eine weitere Ausstellung. Hier ist mehr Konzept und Gestaltung erkennbar; anhand von aufwändigen Bild- und Texttafeln sowie einiger Objekte lässt sich allerhand über den Snaefellsjökull, die Tier und Pflanzenwelt, sowie die Lebensweise früherer Zeiten erfahren. In einem weiteren Nebenraum läuft auch ein Film - Impressionen aus der Umgebung des Gletschers mit sphärischen Klängen untermalt. Erst dachte ich, diese Musik würde von der Frau gehört, die in einem weiteren Nebenraum am Rechner sitzt und offensichtlich für die Ausstellung zuständig ist. Auf unseren Zuruf erscheint sie und wir befragen sie zu den Wegbedingungen am Gletscher. Sie ist nicht sehr gesprächig, kennt sich offenbar nur wenig aus: Ja, es sei gefährlich dort, man könne es schon machen, müsse eben auf das Wetter achten. Toll, sehr hilfreich. Auch kann sie nicht sagen, welcher der drei auf unserer Karte markierten Aufstiegsmöglichkeiten geeignet ist. Bald verabschieden wir uns von der Dame mit der eingedrückten Nase und der merkwürdigen Ponyfrisur (sie hat eines der isländisch-exotischen Gesichter, die auf Fischerblut verweisen); im Geiste auch vom deutschen(?) Lehrer(?)-Ehe(?)paar, das sich als running gag durch den heutigen Tag zieht, uns auf den Spuren bleibt. Der Bus erscheint, der uns zum Einkaufen nach Ólavsvik bringen soll. Da wir schon in Arnarstapi angekündigt waren, finden wir schnell zueinander.
Der freundliche Busfahrer kassiert 2000 Kronen. Ein kleiner, stämmiger Mann mit blauen Augen und schon graumeliertem Haar. Ein weiterer Fahrgast identifiziert uns schnell als Deutsche. Er ist in unserem Alter und allein unterwegs, scheint ganz nett zu sein. Der Busfahrer gibt einige deutsche Wörter zum besten, die er kennt, und lacht verlegen. Ich erzähle ihm auf Englisch, dass ich ein bisschen Isländisch kann. Das strahlende Wetter bewegt den Busfahrer, uns zu einem kleinen Spaziergang zur Küste einzuladen, wo er uns ein paar Dinge zeigen und erklären möchte. Dabei greift er auf, was Simon und ich schon aus der o.g. Ausstellung wissen: Dass sich hier früher die Fischer aus allen Landesteilen in eisiger Frühjahrskälte versammelt und z.T. in den schwarzen Felshöhlen häuslich eingerichtet haben, um auf die Jagd zu gehen. Sicherlich ist er froh, sich mal ein bisschen an der frischen Luft bewegen zu können. Er verwandelt sich ab jetzt komplett in einen Fremdenführer, kommentiert die vorüberziehende Landschaft, die hauptsächlich aus Lavafeldern und vulkanischen Kratern besteht, in etwas holprigem Englisch. Manche signifikanten Punkte sind nach der Sagengestalt „Bádur“ benannt, der in dieser Landschaft komfortabel mit Bad, Bett und Goldkiste gehaust hat. Es folgt ein Abstecher mit Spaziergang in die Drítvik-Bucht, wo sich Djúpalón, eine Lagune befindet. Unweit davon ist der Strand übersät mit den verrosteten Teilen des Wracks eines hier gestrandeten englischen Trawlers...Friedhofsatmosphäre...der Strand hier an der Süd/Westküste scheint voll von solchen tragischen Zeugnissen der harten Wetterbedingungen. Einige Schritte weiter bietet sich ein traumhafter Anblick: weitere pechschwarze Felsformationen und meterhohe gewaltige Wellen des Ozeans, der hier türkisfarben aussieht. Ein Ort, an dem ich gern länger geblieben wäre, wenn es auch ein Touristenmagnet zu sein scheint, wie das nun mal oft bei besonders schönen Orten der Fall ist. Das Lehrerehepaar spaziert auch hier herum. Weiter geht es
auf der küstennahen Landstraße, die von Hellnar über Hellissandur nach Ólavsvik führt, sie ist die Fortsetzung der Straße, die parallel entlang der Südküste verläuft und nun das westliche Ende unserer Halbinsel in einer Kurve zur nördlichen Küste beschreibt. Rechts liegt in immer gleichem Abstand - und heute leider nicht sichtbar - der Gletscher, links das sonnenüberflutete Meer. Durch die Busfahrt hat unser Reiseprogramm eine plötzliche Wendung in Richtung sight-seeing genommen, denn immer wieder weist der Fahrer auf neue Sehenswürdigkeiten hin. Der Landsmann aus Thüringen ist anhänglich und hat mich als Gesprächspartner auserkoren. Er ist liebenswert, auch wenn die Beschreibung seiner „Abenteuer“ (wie er fast einen Bach überquert hat) weniger aufregend ist. Nach einem Abstecher zu ehemaligen Trockenplätzen für Fisch dreht sich das Gespräch um die landeseigenen Fischspezialitäten. Der Busfahrer bestätigt, dass die seltsamen Trockenfischwürfel von einigen seiner Bekannten („I know some“) als Snack verzehrt würden. Der Thüringer zeigt sich interessiert, als wir durchblicken lassen, dass wir dieses Produkt mit uns führen, lehnt die ihm später angebotene Verkostung aufgrund des Fischgeruchs jedoch ab. Wir kommen an Europas höchstem Bauwerk vorbei - würde niemand hier erwarten – ein über 400 m hoher Sendemast. Früher im Besitz der U.S. Navy, ist er heute Funkstation des isländischen Radios. In den dazugehörigen Gebäuden ist ein Trainingszentrum der isländischen Lebensrettungsgesellschaft (irgendwas zwischen THW, DLRG, Bergwacht und Freiwilliger Feuerwehr) untergebracht. In Hellissandur, deutlich größer als Arnarstapi/Hellnar, verkündet der Busfahrer, er mache hier nun erstmal zwei Stunden Pause, den kurzen Rest der Strecke lege er dann ab 17 Uhr zurück. Wir fügen uns. Der Thüringer entschwindet und wir eilen zur Tankstelle, die gleichzeitig Einzelhandel ist. Zehn Tage mussten wir von den von mir zusammengestellten Trockennahrungsmitteln und daraus zubereiteten Mahlzeiten leben. Nun erfüllen wir unsere unmittelbarsten Bedürfnisse. Das sind: 4 Äpfel, 1 x Prins-Polo-Kekse (die auch in "Am Gletscher" gespiesen werden), Apfelsaft und ein sehenswertes Kunststück isländischer Zuckerbäckerei, das beinahe schon ein Kuchen genannt zu werden verdient.




Mit unserer Beute ziehen wir uns an den alten Hafen zurück, wo wir im Windschutz einer Lagerhalle, inmitten eines Stillebens dort gelagerten Schrotts unsere Einkäufe verzehren. Die Sonne kann sich gegen den kalten Wind nicht durchsetzten, so dass Anna, da sie ihren Pullover im Bus gelassen hat, friert. Ich gebe ihr meine Jacke und döse etwas, Anna döst nicht weil sie friert. In einem Laden, der ein Woolworth-ähnliches Sortiment führt, sucht Anna nach Glückwunschkarten. Sonst bietet ein Neubaugebiet Einblicke in die isländische Lebenswelt kleinerer Orte. Einfamilienhäuser mit zum Teil kaum kleineren Einfamiliengeländewagen, davor z.T. eigentümliche Dekoration (Strandgut und verrostete Relikte aus Fischerzeiten). Wovon die Menschen hier leben, ist nicht ersichtlich; Fischfang mag immer noch eine Rolle spielen. Der Busfahrer freut sich sichtlich darüber, dass wir ein Klischee erfüllen, als wir um 16:58 am Bus sind („not too early, not too late“) hierzulande nicht selbstverständlich, wie wir noch erfahren sollten.




In Ólavsvik ist unser erstes Ziel die Touristinformation, wo wir Fragen bezüglich Busverbindung usw. klären und uns einmal mehr nach Wettervorhersage und Gletscher erkundigen. Wie so oft an Schaltern und Auskunftsstellen arbeiten auch hier zwei ziemlich junge Leute. Vor allem der junge Mann ist sehr aufgeräumt und hilfsbereit, so dass alle Anliegen bald abgehakt sind. Er empfiehlt uns dringend, zur Besteigung des Gletschers der Route zu folgen, die auch die Schneemobile der geführten Touren nehmen. Dies hatte ich schon vorher gehört – den Spuren folgend könne man sich gut orientieren und weiche unwegsamen Stellen aus. Er zeigt uns den Wetterbericht für die Region im Internet. Dort zeigt sich für heute eine böse graue Wolke, obwohl doch die Sonne scheint... wir schlagen den Wetterbericht in den Wind. Beim Einkauf im Supermarkt des Ortes versuchen wir zwischen unseren Gelüsten und als Proviant geeigneten Dingen abzuwägen, dies dauert ziemlich lange... als wir endlich an der Kasse stehen, bemerken wir erst, dass wir die einzigen verbliebenen Kunden sind. Die etwas pampige Verkäuferin wollte den Laden wohl schon vor 20 Minuten schließen... So ziehen wir mit unserer Plastiktüte zum nächsten Tagesordnungspunkt: dem Schwimmbad von Ólavsvik! Zunächst sortieren wir im Vorraum unser Waldschratgepäck und verstauen die neuen Lebensmittel, (bis auf die, die wir bald zu essen gedenken). Die junge Frau am Schalter und der dicke glatzköpfige Bademeister nehmen zunächst nur Notiz von uns. Als wir endlich soweit sind, bezahlen wir 800 Kronen und begeben uns in die Duschen.

In der Schwimmhalle angelangt bin ich der einzige Schwimmer und ziehe unter den strengen Blicken des Bademeisters meine Bahnen. Ob dieser schwimmen kann? Die Situation ist filmreif, macht mich aber etwas verlegen. Wo steckt nur Anna? Plötzlich entdecke ich sie: Entrückt sitzt sie im sog. Hot Pot, das ist eine Art Whirlpool. Jetzt lasse ich mich auch eine Weile garen. Wellness kommt in diesem Urlaub nicht zu kurz!
Nach weiterem Bahnenziehen begeben wir uns wieder in die Hygieneschleuse. Im Vorraum warte ich lange auf Anna, (die, was ich noch nicht weiß, solange Wäsche macht). Offenbar heizt man das Schwimmbad mit kostenloser Erdwärme: die Heizungen im viel zu warmen Vorraum sind bei offen stehender Eingangstüre voll aufgedreht. Der Plan für heute (es ist schon nach 20 Uhr) und morgen: wir wollen einer Piste folgen, die von Ólavsvik zurück nach Arnarstapi führt, nicht entlang der Küste, sondern quer über die Berge. Dieser nicht asphaltierte Fahrweg führt auf 800 Meter über Meeresspiegel und somit an die unteren Ausläufer des Gletschers. Für Kraftfahrzeuge ist der Weg zu dieser Jahreszeit wegen Eis und Schnee nicht passierbar, in der Touristinformation hieß es jedoch, wir könnten den Verlauf des Weges erkennen. Vom Rand des Gletschers wäre auch dessen Besteigung von der Piste aus am Besten möglich. Entlang der Hauptstraße verlassen wir den Ort wieder und damit endet unser kurzer Besuch der Zivilisation. Heute war der erste Tag, an dem wir etwas vom hier zu dieser Jahreszeit einsetzenden Fremdenverkehr erlebten.



Es geht merklich bergauf. Nach dem Schwimmbadbesuch fühlen wir uns beide wieder in ganz guter Form. Dennoch meldet sich auch der Hunger und so machen wir schon nach einigen hundert Metern Rast mit unserer Plastiktüte an einem Bach. Endlich kann ich das berühmte Milchprodukt „Skyr“ probieren, von dem Susanne sich auf ihren ausgedehnten Wanderreisen immer zu ernähren pflegt und von dem sie schwärmt – zu recht, muss ich sagen! Die Äpfel schmecken nach Birne, aber ok. Und Simon freut sich über den Brezi-Konsum, auf den er nun länger verzichten musste. Zwei Versuche, von vorbeikommenden Autos mitgenommen zu werden, scheitern aus verschiedenen Gründen. So setzen wir uns bald wieder selbst in Bewegung. Die Landschaft wird immer gebirgiger, Wasserfälle und Bäche nehmen zu, Grasbewuchs ab. Das Wetter bleibt uns gnädig, insofern, als dass Regen durch relativ starken Gegenwind gleich wieder auf der Oberfläche der Kleidung wegtrocknet. Ob es hier einen ausreichend geschützten Platz zum Zelten geben wird? Wir finden schließlich eine schon fast optimal zu nennende Stelle, „Drainage“, wind- und regengeschützt mit Panoramablick auf den Ozean. Freundlicherweise klart der Himmel über uns auf, so dass wir in Ruhe nach allen Regeln der Kunst unser Zelt aufbauen und guter Dinge hineinkriechen. Eigentlich hatten wir noch ein bisschen lesen wollen, der Abend endet aber jäh mit gewalttätiger Auseinandersetzung. >>>>