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11. Tag | Anlauf zum Gletschergipfel

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Recht spät gegen Mittag wachen wir gut erholt auf. Das schöne Wetter zieht uns nach draußen. Während des Frühstücks mit Kaffee, Keksen und Käsebrot gehen wir die verschiedenen Möglichkeiten durch: Ohne Gepäck spazieren gehen und erst morgen früh die Gletschertour in Angriff nehmen? Oder mit Gepäck dem vorläufigen Ziel näher kommen? Oder, oder, oder...? Schließlich entscheiden wir uns für den Aufbruch mitsamt Gepäck. Vielleicht findet sich noch ein Zeltplatz am Fuße des Snaefellsjökull? Das würde den geplanten Ausflug enorm verkürzen, praktischerweise. Wir marschieren los, bergauf, bergab, die sich um viele Hügel windende Strasse entlang. Über uns treibt der Wind einige Wolken dahin, blauer Himmel behält aber die Oberhand. Obgleich die Strecke anstrengende Abschnitte hat, scheinen die Kräfte heute gar nicht zu schwinden – mir jedenfalls kommt alles überhaupt nicht beschwerlich vor.
Beschwerlich ist es nicht, ich empfinde die Mischung aus starkem Wind und immer karger werdender Landschaft (auch das Gras hat sich verabschiedet, dafür kommen nun Schneefelder zu Moos und Steinen) aber doch als etwas beunruhigend. Zumindest werden die Möglichkeiten, ein Zelt aufzubauen seltener und der Zustand des Weges hinter der Stelle, wo sie für Autos unpassierbar zu werden beginnt, ist ungewiss. Das erste Auto des Tages mit einem freundlich winkenden jüngeren Paar (ich krame in meinem Vorurteilsschatz und erkläre sie zu Schweizern) fährt vorüber und kommt uns nach nicht allzu langer Zeit wieder entgegen. Oberhalb sehen wir einige schneebekränzte bzw. schneebedeckte Bergspitzen, um uns nun fast nur noch Steine und Schnee. Vom Gletscher sehen wir nichts, der Himmel ist in lebhafter Bewegung: Wolken treiben über unseren Köpfen oder türmen sich in größerer Entfernung. Es scheint, als ringten Sonne und Wind um den Raum, der den Gletscher umgibt – zum Gewinn für unsere Augen, denn immer neue Perspektiven, Reflexe und Formen bilden sich über uns. Bei diesem schönen Anblick machen wir Pause an einem Bach, der die Piste mal als Wasserfall, mal durch Steine gestaut, begleitet, und futtern gestern erstandene Nüsse. Die Piste schiebt sich derweil ein Geländewagen empor, wir grüßen pflichtgemäß und der Fahrer des voll besetzten Wagens grüßt ernst zurück, ungefähr so, wie es der Soldat einer Besatzungsmacht von seinem Panzer tun würde. Mit den Augen folgen wir der Straße; an einer Stelle oberhalb, wo sich eine Eiswand wie eine Barrikade auf die Piste legt, hält der Wagen. Zwei Männer steigen aus, legen ungefähr 5 min. lang ihre Ausrüstung an, stapfen dann 100 m durch den Schnee. Auch wir sind inzwischen an der Eisbarrikade angekommen zeitgleich mit einem zweiten Geländewagen, wie der erste offenbar ein Mietfahrzeug. Ein Mann springt unvermittelt heraus und rennt die steile Schneehalde empor, vielleicht will er von oben einen Blick auf den Gletscher erhaschen. Anna bemerkt, dass in beiden Fällen die Frauen in den Autos geblieben sind und auf ihre forschen Männer warten. Die (deutschen?) Polarforscher sind mittlerweile wieder an ihrem Expeditionsfahrzeug, schälen sich aus ihrer Outdoorkluft und verstauen sie mit den Gletscherstöcken im Kofferraum. Mir scheint es, als ob uns diese Herren gleichermaßen erstaunt und verächtlich anglotzen, als wir vorbeikommen. Vielleicht kränkt es sie, dass wir es ganz unprofessionell, ohne Vierradantrieb und nur mit Tischbein bzw. Fischerhaken bewaffnet hierher geschafft haben. Wir lassen unser Gepäck unten und erklimmen auch die Schneehalde, wo uns schon der Kletterer entgegenkommt. Wenig später verschwinden die Autos und wir sehen uns oben nach einem möglichen Weg zum Weiterkommen um.
Alles sieht noch mal ziemlich anders aus, hier oben: zertrümmerte dünne Felsplatten, die großflächige Scherbenhaufen bilden. Dunkle feuchte Geröllfelder und Flächen aus Eis und Schnee. Dreht man sich um Richtung Straße, so kann man das Meer weit unten sehen. In die andere Richtung sieht man nicht ganz so weit – der Blick prallt am gleißenden Weiß verschneiter Berghänge ab – jedoch noch nicht die des Gletschers. Linkerhand sieht man die Straße Richtung Arnarstapi sich als schwarze Schlangenlinie fortsetzen. Wir beschließen, ihr zu folgen und holen noch das Gepäck nach. Lange ist die Schlange nicht zu sehen, bald folgt wieder ein verschneiter Abschnitt. Wir können uns nur mit Hilfe der Karte orientieren. Der Schnee ist relativ fest und pappig, was den Vorteil hat, dass er ganz guten Halt für unter den Füßen bietet...auf steilen Abschnitten habe ich das Problem, kaum mit den Füßen einzusinken, sondern auf der leicht gefrorenen harten Oberfläche keinen Tritt zu bekommen. So nutze ich Simons Fußstapfen. Er macht mit seinen Storchenbeinen bloß viel größere Schritte als ich. Nach dem nächsten Schneefeld ist wieder die Strasse für kurze Zeit sichtbar, verschwindet dann wieder im Weiß einer Schneefläche, die recht groß ist und so steil, dass man nicht sehen kann, wie bzw. ob es dahinter weitergeht. Wir überlegen kurz, ob wir nicht auch – wie alle anderen – umkehren sollen. Diese Fläche wollen wir jedoch noch „abwarten“, wenigstens einmal dahinter schauen. Ein anstrengendes schweißtreibendes Unterfangen für mich relativ kurzbeinige Person. Aber irgendwann ist es geschafft. Was vor uns liegt ist endlos weiß, die Straße weit und breit nicht mehr zu entdecken. Eigentlich ist es so, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt, da die letzte, mehr schlechte als rechte Zeltmöglichkeit ein gutes Stück Rückweg erfordern würde, außerdem verlieren wir zunehmend das Unbehagen bezüglich des Schnees.
Nun, etwas verwegen kommen wir uns schon vor, den Weg fortzusetzen; ausgeliefert fühlten wir uns beide – aber die Lockungen der vor uns liegenden unberührten Eislandschaft, in der nur wenige schwarze Felsen und kleine blaue Flächen Akzente setzten, sind stärker als das alle Einwände. Das schnell wechselnde Licht und der Tumult am Himmel wird durch den weißen Resonanzboden aus Schnee noch verstärkt. Da es hier keinerlei Spuren gibt, ist es für uns zudem ein exklusives Erlebnis. Den ungefähren Verlauf der Straße konnten wir zunächst anhand der Karte und der Landmarken erahnen. Wie weit wir laufen werden müssen, um sie unter dem Schneepanzer hervorkommen zu sehen, wissen wir nicht. Wir befinden uns nun unmittelbar am Rande des Gletschers, also der Eisfläche, die auch im kurzen Sommer erhalten bleibt. Die Wetterverhältnisse erlauben nur hier und dort einen Anhaltspunkt in der vor uns liegenden Wand aus Schnee und Wolken auszumachen. Glücklicherweise scheint das Wetter stabil und so pflügen wir von einer Landmarke zur nächsten. Alles was wir bisher gesehen haben scheint weit weg zu sein in dieser Bergwelt. Wir rufen uns ins Bewusstsein, dass wir im Falle eines Unglücks nur wenige Stunden Fußwegs von den Ausläufern der Zivilisation sind. Das, was dem Betrachter in einem solchen Panorama am fernsten erscheinen muss, ist das erste, was wir schliesslich von der „anderen Seite“ sehen: im Ferglas erscheint das Meer mit kleinen an die Küste rollenden Wellen, das Budahraun und winzig klein sogar das Sommerhotel Budir, wenn die Sonnenstrahlen danach greifen. Nach und nach kommen weitere Berge und Lavafelder in Sicht, die entlang der Küste liegen und schließlich auch der Berg.....der an den Ort Arnarstapi grenzt und ein sehr markantes Profil hat. Die Schneedecke lichtet sich und wir gelangen an die Station, von der aus Schneemobile auf den Gletscher fahren. Die Fahrzeuge stehen in Reih und Glied, aber kein Mensch ist zu sehen. Die Piste hat uns wieder und wir folgen den steilen Kurven ein Stück, die allmählich hinab, bis hinunter ans Meer führen. Um uns nun das schneefreie Lavafeld. Bald schon machen wir einen Versuch, abseits des Weges einen Schlafplatz zu finden. Wir finden eine Stelle, die unsere Kriterien (Wasser in der Nähe, ebene Fläche, windgeschützt und trocken, heringfester Boden) erfüllt und bauen auf. Wir lesen noch „Am Gletscher“, kochen eine Suppe und schlafen ein. Der Plan für morgen: falls überraschend gutes Wetter wäre, den Gletscher erklimmen – sonst nach Hellnar laufen und dem Verlauf der Küste Richtung Norden folgen. Übrigens hielten die vergleichsweise kalten Temperaturen an. Hier unterhalb des Snaefellsgletschers messen wir abends gegen 0 Grad. Halb im Traum sehen wir noch ein großes beleuchtetes Kreuzfahrtschiff, das vom Atlantik in Richtung Reykjavik gleitet. >>>>