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13. Tag | Nochmal von Arnastapi nach Olafsvik

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Der Wecker klingelt um 8 Uhr Simon aus dem Schlaf, ich bin schon eher von selber aufgewacht. Die Nacht war wieder relativ kalt – ich musste mit sehr stark angewinkelten Knien schlafen, was komischerweise dagegen etwas hilft. Simon hat ganz gut auf dem trockenen Untergrund geschlafen. Zum Frühstück gibt es wieder Käsebrot mit Apfelringen, Keksen und Kaffee. Dann geht es endlich mal wieder weiter! Wir wollen ja rechtzeitig Hellnar erreichen, um dort noch unseren Postkartenbestand zu erweitern und dann – gezwungenermaßen – mit dem Sightseeing-Bus zurück nach Ólavsvik zu kommen. Die Sichtweite beträgt immer noch „unter 50 m“ , so dass die restliche Wegstrecke nach Hellnar schwierig einzuschätzen ist. Trödeln kommt daher nicht in Frage. Die Nebelstimmung in der Gebirgslava ist auch recht schön...irgendwann springt plötzlich aus dem Nichts eine Gestalt auf uns zu „Hey – I guess you guys are just coming from the ice“...ein amerikanisches Paar, das auch mal in den Schneefeldern spazieren gehen will. So geben wir schnell Auskunft über die oben vorgefundenen Verhältnisse und bemerken dann, dass wir kurz vor der berühmten „Sönghellir“ stehen – einer Höhle, mit der natürlich Bádur etwas zu tun hatte und in der es Echoeffekte geben soll. Die muss nun doch schnell noch in Augenschein genommen werden, zumal Simon sie als möglichen Schlafplatz in Betracht gezogen hatte. Uns kommen weitere Nebelgestalten entgegen, die offenbar eine Reisegruppe bilden. Simon freut sich, dass die Höhle durchaus ein geeigneter Übernachtungsort gewesen wäre. Ich weiß nicht – Schnarchen mit Echo oder zumindest Verstärkereffekt? Auf dem weiteren Weg nach unten sehen wir nun von oben viele altbekannte Flecken der Gegend, auf die sich schöne Perspektiven ergeben mit dem hier in Auflösung begriffenen Nebel. Bald begrüßen uns auch schon wieder die Straßenbaumaschinen bei Arnarstapi. Wir denken, ein Abstecher zum Hafen wäre heute noch mal zeitmäßig drin, darauf folgt wieder die Strecke der spektakulären Kliff – Raritäten samt weißer Bewohnerschar.



Plötzlich ist doch wieder Eile geboten. Ich muss wirklich hetzen, so dass ich außer Atem komme, um mit Simon Schritt halten zu können. Die Attraktionen am Wegesrand sind ja zum Glück schon bekannt. Ich bin von Schweiß bald völlig durchnässt, da es hier unten inzwischen deutlich wärmer geworden ist, als oben in den Bergen zuletzt. Ich bin extrem genervt, nicht zuletzt, weil ich mich in meinem ungepflegten Zustand nicht wohl fühle in der Zivilisation. Auch heute sind hier wieder viele Leute unterwegs, diesmal auch viele Isländer, wie man am im Vorbeigehen aufgeschnappten Wortfetzen bzw. an uns gerichteten Grussformeln „Gódan daginn“/ „Góan dag“ hören kann. Das mit den Postkarten ist schnell erledigt, nun kann er kommen, der Bus. Überpünktlich stellen wir uns an die Kreuzung, wo wir ihn auf keinen Fall verfehlen können und füttern unser Energiepolster mit Bananenchips. Dabei halten wir Ausschau: jedoch vergeblich! Simon wird nun merklich ärgerlich und der Fahrplan muß noch einmal rausgekramt werden.

Nach 10 Minuten Verzug habe ich schon eine Ahnung, dass der Bus gar nicht kommen wird...dabei haben wir uns so beeilt! Ich bin wirklich böse! Nach ca. 20 Minuten setzen wir uns auf der Stichstraße, die Hellnar mit der Landstraße verbindet, in Bewegung. Wenn der Bus noch käme, würden wir ihm hier auf jeden Fall begegnen – er sollte jedoch nicht erscheinen. Wir hatten uns doch ausdrücklich erkundigt und nicht ganz zu Unrecht richtet sich mein Verdacht gegen die meinem Eindruck nach hier verbreitete nachlässige Einstellung der Isländer, was die geringe Zuverlässigkeit weitergegebener Informationen und scheinbar oft mangelhafte Kenntnis von Sachverhalten betrifft, über die man zu Recht Auskunft erhofft. Z.B. Buspläne! Punks! Wir sind ja darauf angewiesen, nach Ólavsvik zu kommen! An der Landstraße machen wir Anläufe per Anhalter vorwärts zu kommen. Dies scheitert daran, dass innerhalb von 20 Minuten nur 3 Autos vorbeikommen und die darin sitzenden mutmaßlichen deutschen Mieter uns ansehen, als hätten wir nicht alle Tassen im Schrank. Wo sind die netten Schweizer und trottelig-vertraulichen Amis von heute morgen? Das Maß ist voll, als ich in der Not versuche, einen mit Ommas befrachteten Omnibus mit dem Daumenwinker zu stoppen. Wahrscheinlich erklärt uns der Reiseleiter per Busmikrophon zu irgendeinem Auswurf Bádurs, jedenfalls bleiben wir beglotzt von Ommaaugenpaaren im Dieselqualm zurück. Wahrscheinlich hätte ich nach dieser Erniedrigung bald begonnen, mit Lava nach Mietautos zu werfen – hätte Anna, (die sich übrigens weigerte, selbst Autos anzuhalten) nicht eine gute Idee gehabt: der heute im Zentrum des Nationalparks arbeitende junge Mann würde, so mutmaßten wir, bestimmt nicht in Hellnar wohnen. Falls er später Richtung Ólavsvik oder sogar Borgarnes fahren würde, könnte er uns mitnehmen...! Wir wollten, um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, erst besorgt nach dem Bus fragen und ihn bitten, bei der Busgesellschaft anzurufen (was uns natürlich vollkommen zwecklos erschien). Der andere Plan, die 35 km nach Ólavsvik zu laufen, wurde fallengelassen – zur Not bliebe die Möglichkeit, auf den Bus morgen zu hoffen und dafür auf den Tag in Reykjavik zu pfeifen...wir bummelten also wieder die 2 Kilometer nach Hellnar...
Und schildern dem netten jungen Mann, was uns zugestoßen ist. Obwohl dies eigentlich nicht sein Problem ist, erklärt er sich schnell bereit, bei der Busgesellschaft anzurufen, um nach dem ausgebliebenen Bus zu forschen. Ich höre, dass er mindestens zweimal weiterverbunden wird. Schließlich erzählt er, dass ihn die Busgesellschaft zurückrufen wird, sobald klar ist, wie es sich verhält mit dem Bus. Er selbst glaubt nicht wirklich an den Rückruf, sondern ist auch eher der Ansicht, dass es mit dem Fahrplan bei Mangel an Fahrgästen evt. nicht so genau genommen wird...und dann sagt er es, was wir kaum zu fragen gewagt hätten: dass er nach Ladenschluss um 18 Uhr ohnehin in die Richtung fahren und uns dann mitnehmen würde! Simon bietet ihm gleich die 2000 Kronen an, die der Bus sonst gekostet hätte – doch der Nationalparkbeamte winkt ab, er müsse ja sowieso dorthin fahren – das sei kein Problem. Dann dürfen wir sogar unser Gepäck in seinem Büro parken und gehen erstmal mit einem euphorischen Gefühl unglaublicher Erleichterung draußen spazieren. Dieses Gefühl bewegt Simon dazu, mich in das kleine urige Café einzuladen, das uns schon auf dem Hinweg gefallen hat. Unsere widersprüchlichen Gelüste bei gleichzeitig doch gehemmter Ausgabebereitschaft münden in der Bestellung von einer Portion Waffeln, einer Tasse Kaffee und (etwas unpassend) einer Fischsuppe – diese war uns schon beim kulinarisch wüsten Kiosk in Arnarstapi empfohlen worden (Tage zuvor). Auf der kleinen Holzterrasse vor dem liebenswert und geschmackvoll eingerichteten Café, das von außen nur aus einem Raum zu bestehen scheint, setzen wir uns in die durch Wolken blinzelnde Sonne.
Von der Außenterrasse des Cafés schaut man auf ein schwarzes Kliff und klares türkisfarbenes Wasser, dabei kann man Möwen und andere Vögel und andere Leute – vornehmlich Isländer – beobachten. Der junge Mann vom Kiosk hatte nicht zuviel versprochen: die Fischsuppe ist außerordentlich gut, mit Gemüse und Krabben und verschiedenen Fischsorten. Simons Waffel wird auf friesische Art, mit Pflaumenmus und Schlagsahne, serviert. Das Porzellan sieht liebevoll zusammengesucht aus. Aber der Hit ist das Brot, das ich als Suppenbeilage bekomme: ein graufarbenes frisches süßliches Brot, wahrscheinlich selbst gebacken, das an unsere süßen Pfannkuchen erinnert (ganz entfernt). Mit salziger Butter darauf – himmlisch! Nach dem Essen spazieren wir noch ein wenig herum und gehen dabei auch zu der „Cigaretten“-Kirche. Sie ist sogar geöffnet! Wenn man einen Vorraum mit Gästebuch und Postkarten durchquert hat, betritt man den kleinen Kirchenraum mit hölzernen Sitzbänken, deren Polster mit dunkelrotem Samt bezogen sind; auf einer Bank liegt die Nationalflagge wohl zum Trocknen nach dem gestrigen Feiertag. Die Decke der kleinen Kirche ist gewölbt und ihr Holz hellblau gestrichen – in regelmäßigen Abständen sind dort kleine hölzerne golden angemalte Sterne angebracht – so dass der Eindruck eines Sternenhimmels entsteht. Vor dem Altarraum stehen links ein Klavier und rechts das Taufbecken aus hellem Sandstein. Dort hineingemeisselte biblische Szenen sind offenbar für die Postkarten im Vorraum als Motiv abfotografiert worden. Im Altarraum künstlicher Blumenschmuck unterhalb eines Ölgemäldes, das wohl eine Abendmahlsszene darstellt.



Auch den sich anschließenden Friedhof besuchen wir noch. Dann finden wir uns im Nationalparkzentrum ein, um zu warten, bis unser Retter in der Not Feierabend macht. Die gemeinsame Autofahrt mit ihm empfinden wir im Nachhinein als gemischt: er ist durchaus sehr nett und redet auch mit uns, d.h. er fragt nach uns, erzählt von sich – aber nur wenig! Insgesamt werden viele Gesprächsfäden ausgeworfen, die sich nicht zu einem ganz schlüssigen Netz verbinden. Aber muß es auch immer so sein? Im Gespräch sind: Arbeit, Herkunft, Wetter, Nói Albinói, der Roman „am Gletscher“ , sowie Trockenfisch. Wir hoffen, den netten Mann nicht beleidigt zu haben mit unserem Staunen und Kichern darüber, dass der in Island wirklich ein beliebter „snakk“ ist. Am Campingplatz von Ólavsvik wünscht unser Retter viel Spaß beim Zelten in dem Regen ! (Übrigens hatte ihn die Busgesellschaft tatsächlich noch zurückgerufen mit der Bereitschaft, für uns noch einen Bus zu schicken!) Der Regen

lässt zum Glück langsam nach. Wir genießen es, die einzigen Gäste auf dem Platz zu sein und somit den zentralen Holzverschlag, der Waschräume, Duschen und Toiletten beinhaltet, ganz für uns zu haben. Auch wenn alles etwas schäbig ist, so erfüllt es doch seinen Zweck. Wir duschen, machen ein Fertiggericht und dann noch große Wäsche. Morgen früh wird es dann nach Reykjavik gehen. >>>>