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14. Tag | Über Reykjavik nach Vik an der Südküste

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Nach einer halbwegs schlaflosen Nacht (Aufregung wahrscheinlich) stehe ich nicht ganz pünktlich um 6 h auf, sondern es wird noch 20 min. später. Insgesamt gestaltet sich der Aufbruch etwas eilig, da wir noch Brot kaufen wollen. Wir hoffen nämlich, dass das kleine Café in Hellnar von der Ólafsvíker Bäckerei beliefert wird. Der Campingplatzwart hat sich nicht zum Kassieren blicken lassen...ich bestehe darauf, im Ggs. zu Simon, das Geld in einem Umschlag im Briefkasten der Touristinformation zu hinterlegen – dafür ist nun keine Zeit mehr! Das bringt bestimmt Unglück. Die Bäckerei befindet sich quasi an der Bushaltestelle. Ich versuche, das mit dem Brot zu erklären...mit einem ziemlich anderen Brot in der Hand eilen wir dann dem gerade ankommenden Bus entgegen. Heraus steigt unser alter Freund, der heute jedoch nicht besonders nett ist. Ich finde, er macht einen übernächtigten, vielleicht verkaterten Eindruck. Anlässlich der gestrigen Panne wissen wir inzwischen ja auch, dass die sightseeing-Ausflüge zum Spezial-Rundfahrtsprogramm gehörten und heute keine „Fremdenführung“ vorgesehen ist. Simon denkt, dass der Mann ja evt. wegen uns Ärger bekommen hat – bzw. wegen seines Nichterscheinens und deshalb womöglich sauer sein könnte. Man weiß es nicht. Wie so oft! Auf dem Weg nach Reykjavík ist wieder viel imposante Landschaft zu bestaunen und andere Mitreisende, z.B. 2 Frauen aus D’land die wir in Grundarfjördur einsammeln. Auch der gute alte Eldborg samt gleichnamigem Hotel taucht wieder auf – „Grund“ passieren wir und schliesslich gibt es wieder eine kurze Pause im Tankstellenparadies Borgarnes. Heute ist besseres Wetter, als bei unserer Ankunft, so dass wir viel mehr von der Gegend mitbekommen. Auch nach der Aluminiumfabrik halten wir Ausschau. Schließlich geht es wieder durch den langen Tunnel. Im Radio läuft schöne Swing/Chansonartige Musik die ganze Zeit – zum Abschied von Snaefellsnes.
Dann folgt das Gewerbegebiet von Reykjavík und schließlich finden wir uns am BSÍ wieder. Es stellt sich heraus, daß wir doch nicht zwangsläufig die ganze Nacht in Reykjavík verbringen müssen (wobei Simon nicht ganz abgeneigt ist – erhöht es doch die Wahrscheinlichkeit, Björk leibhaftig zu treffen), sondern um 17 h nach Vík, in die südlichste Stadt, fahren können, um dort den Weg nach Seydisfjördur fortzusetzen. Das finde ich gut! Somit gilt es nun, die Hauptstadt sich im Schnelldurchlauf (11 – 16.30 h) anzuschauen. Bei der Hallgrimskirkja, die wie schon erwähnt, gar nicht weiß, sondern grau ist, fangen wir an, von dort aus die Straße runter befindet man sich automatisch im Fußgängerzonen/ Zentrumsbereich. Als erstes suchen wir ein Postamt auf, damit wir schöne Briefmarken kaufen und unsere Karten auch mal loswerden können. Als das erfolgreich erledigt ist, steuern wir das Rathaus an, von dem man so viele sagenhafte Dinge erzählt.
Moos soll in atemberaubende Architektur integriert sein, es soll kostenlosen Internetzugang für alle und ein riesiges Modell Islands geben. Tatsächlich ist das Gebäude getragen, wuchtig und doch ansprechend halb in einen stadtinternen Teich hineingebaut und den Eingang erreichen wir über eine Fußgängerbrücke, die über das Wasser führt. Viel Sichtbeton und Glas, ein demokratisches Gebäude ohne sichtbare Einschränkungen der Besucher. Das geographische Modell, das ca. 10 x 10 m misst, IST großartig, mit dem sagenhaften Moos ist jedoch nicht soviel los wie wir uns das ausgemalt hatten. Die gewaltige Internetzentrale entpuppt sich als ein normales Café mit zwei üsseligen Rechnern mit ranzigen Tastaturen, die Gäste für 20 Minuten nutzen dürfen – das tue ich, um aus 215 neuen Nachrichten diejenigen herauszusuchen, die für meinen nächsten Kurs an der HGKZ wichtig sind und Postleitzahlen zu ermitteln.



Ein offener Wunsch an unseren Aufenthalt in Reykjavík wäre nun noch ein Bildband von Snaefellsnes zur Ansicht für unsere lieben Daheimgebliebenen – und tatsächlich finden wir einen solchen mit guten Fotos in einer Buchhandlung– und (fast peinlich) sogar auf deutsch. Nun musste Anna entscheiden, ob sie sich sozusagen als Island-Diplom für alle bestandenen Herausforderungen noch einen der überall angebotenen Islandpullis kaufen soll. Als wir in der Haupteinkaufsmeile „ich komme nach“ verabreden, verlieren wir uns erstmal unplanmäßig aus den Augen, finden uns aber an einem Pulloverladen. Anna findet dort nichts, sowieso ist sie entscheidungsarm und erschöpft. Wir tapern durch eine etwas szenigere Einkaufsstraße, entlang cooler Cafés zum Hafen und über kleinere Straßen wieder zurück Richtung BSÍ. Reykjavík überrascht uns in keiner Hinsicht. Ja, junge und in Wohlstand wachsende Metropole, aber der in die Welt gedrungenen Ruf der Stadt als szenige In-Area lässt uns kalt, davon haben wir zuhause im Schanzenviertel bzw Mitte eh genug. Der Versuch, etwas Originelles mitzubringen scheitert daran, dass fast alle Produkte – vom Schreibwarenladen bis zum Rotkreuz-Secondhandladen – globalisierten Ursprungs bzw. „made in germany“ sind. Unser Rundgang macht uns zufrieden, doch hätten wir nicht länger bleiben wollen – Kulturschock genug. Auffällig fand ich den sehr hohen Anteil von 30er Jahre/Bauhausartiger Architektur: sehr viele Wohnhäuser und Zweckbauten mit dunkelgrauem Waschbeton und weißen Sprossenfenstern. Insgesamt streng linear und mit dem Rechteck als Grundform und stets angereichert mit knapp dosierten ausgefallenen Elementen – runden Fenstern, ungewöhnlichen Anbauten usw.. gefiel mir sehr gut! Sonst viel Wellblech- und Containerästhetik, einige 70er Jahre Bauten, vieles aber auch ähnlich den Zutaten anderer Städte Nordeuropas (soweit ich urteilen kann). Das Wetter ist heute ausgewogen, Sonne, Wolken, kühle Luft – kein schöner Himmel aber auch kein Regen. Als wir mit Einkäufen am BSÍ ankommen, sind wir beide erstmal fertig – zuwenig getrunken, zuviel gesehen (auch das Glotzen aus dem Bus war schon „niederschmetternd“). Aber auch einfach nicht viel geschlafen. Wir lümmeln also nicht undankbar für die entstandene Wartepause am Busbahnhof herum. Bus nach Vík, Fahrt durch Satellitenstädtchen; Blick aus dem Fenster – wenig Abwechselung – Meer und Berge - im wechselnden Abstand zur Straße. Zunehmend weniger dichte Besiedlung. Ankunft in Vík, der südlichsten Stadt Islands nach ca. 4 Stunden Fahrt, es ist nun bereits nach 20 Uhr.





Da Vík an der Ringstraße liegt, gibt es neben Tankstelle und Supermarkt auch eine Jugendherberge, Edda-Hotel und Campingplatz. Ansonsten ein kleiner Ort ohne Ecken und Kanten. Wir sahen bei der Anfahrt, dass es möglich sein müsste, ihn zügig zu verlassen, um etwas abseits zu zelten. Zum Meer hin geht es nicht, also gehen wir einen Weg, der entlang der hinterm Ort beginnenden Berge durch Wiese und Weide bergauf führt. Schließlich sind wir nicht mehr in Sichtweite der Häuser, dafür sind es zwei Polizisten, die offenbar aus Langeweile Schießübungen machen. Außerdem stöckern plötzlich zwei Nordic Walker vorüber – wir ziehen also noch einmal um. Ein gutes Stück entfernt kommt ein wunderschöner Bach durch ein tief eingeschnittenes Tal geflossen. Hier gibt es eine ebene und offenbar trockene Wiese und nachdem wir uns bei den beruhigenden Lauten des Wassers von dem vergleichsweise turbulenten und fahrtenreichen Tag erholt haben, schlagen wir das Lager auf, kochen ein Spaghettigericht und legen uns an diesem trockenen und windstillen Ort nieder. Wenig später beginnt es zu regnen, was uns nicht sorgt – doch es kommt sehr starker Wind auf: nicht stetig, sondern stoßweise. Plötzlich: Eine kräftige Böe reißt mich und Anna aus dem Schlaf und mit einem Schlag alle Heringe aus dem Boden. Wären wir nicht im Zelt gelegen, wo alles durcheinandergewirbelt wurde, wäre das Ganze garantiert abgehoben, auf und davon. Anna war gerade erst eingeschlafen, weil sie sich schon wegen des Regens gesorgt hatte. Ich lief in den Regen, sammelte alle Heringe im Umkreis ein, baute das Zelt wieder ordentlich auf und beruhigte Anna (ungefähr in dieser Reihenfolge). Der Wind ließ natürlich trotzdem nicht nach. Nun muß gesagt werden, dass einige zusätzliche Heringe, die nicht zum Lieferumfang des neuen Zeltes gehörten in Deutschland vergessen worden und die vorhandenen nicht gerade die robustesten waren. Wir brauchten kurz zum Aufwachen und Beratschlagen und bauten das Zelt einige Meter weiter auf, wo der Wind, so hofften wir, nicht dermaßen unerwartet um die Ecke pfeifen würde. Tatsächlich schien es erst ruhiger zu sein und wir beruhigten uns beide. Um die wenig zuverlässigen Heringe zu sichern, wuchtete ich noch einige herbeigeschleppte Steine darauf. Bald schliefen wir mit einem Gefühl von zurückgekehrter Geborgenheit wieder ein. Am späten Morgen kamen jedoch wieder sehr heftige Windstöße das Tal hinauf. Hatte dieser Ort weniger einen schützenden als einen windverstärkenden Charakter?! Heftiger Regen wurde gegen das Zelt gepeitscht, der Wind drückte es fast an den Boden Zwar hielten diesmal die Heringe besser, es war jedoch so laut und insgesamt angsteinflößend, dass wir beschlossen, abzubauen, auch wenn bis zur Abfahrt des Busses noch Zeit gewesen wäre. Von starkem Regen und Böen gepeinigt verließen wir diesen erst so friedlich wirkenden Ort. Käptn Ahabs Reise war hier zu Ende, ich wollte ihn nicht durch die bevorstehende Bus-Schiff-und-Bahn-Odyssee schleppen. So doll wie an diesem Vormittag waren Wind und Regen die ganzen Tage nicht. Tropfend und etwas aufgelöst kamen wir zur Tankstelle. Bilanz der Horrornacht:ein beschädigtes Innenzelt und verbogenes Gestänge und eine Anna, die die Nacht zum großen Teil besorgt durchwachen musste. >>>>