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16. Tag | Mit dem Linienbus nach Seydisfjördur

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Am Morgen gebummelt, noch einen zweiten Kaffee gemacht. Dann Eile ? genau 1 min vor halb neun sind wir an der Haltestelle und springen in den wartenden Bus. Der Fahrer kommt um zu kassieren und überrascht uns mit der Aussage, dass sein Bus nach Reykjavík fahre. Und erst auf Nachfrage erklärt er, dass UNSER Bus schon losgefahren sei. Nachdem er kurz in unsere entsetzten Gesichter sah greift er zum Telefon erklärt dann, der andere Bus würde warten und dass er uns hinbringen wollte. An der Kreuzung, von der die Straße nach Höfn von der Ringstraße abzweigt, steigen wir um. Das kennen wir nun schon – man ist hier gerne etwas ungenau aber dafür zum Glück auch unkompliziert – ohne diese Improvisation hätten wir dumm ausgesehen, denn der 20-Sitzer mit Gepäckanhänger ist der einzige Bus in Richtung Nordwesten. Heute ist die Sicht besser, auch wenn sich das Wetter nicht zu besonderer Schönheit aufschwingt. Die Busfahrten waren bisher nicht so überwältigend wie Bahnfahrten durch die Schweizer Alpen oder Annas Reise durch Norwegen. Statt mittendurch geht es immer in ähnlichem Abstand von Küste und Bergen. Heute folgen wir meist den gewundenen Küsten der Fjorde, d.h. wir fahren lange Zeit auf der nicht mehr so gut ausgebauten Straße, legen aber kaum Luftlinie zurück. Die Ausblicke sind heute etwas spektakulärer, mehr Gebirge mit mehr Schnee – teilw. Neuschnee und Fahrten entlang steiler Hänge. An den hohen Bergen können wir überdeutlich erkennen, dass sich diese aus dem Meeresboden gehoben haben – Schicht auf Schicht sieht man im Profil steiler Berge. Teilweise sehen die Berge wie Pyramiden aus, die an den Außenseiten treppenförmig abgestuft sind. Die geologischen Schichten verlaufen jedoch nicht ganz horizontal sondern sind schief geraten und lassen die Felsmassive an sinkende Schiffe erinnern. Einen weiteren unterhaltsamen Aspekt der Landschaft bilden die auf Grashängen von Schafen verursachten horizontalen Pfade, die wie Etagen in enger Folge übereinander liegen, sie lassen ganze Geländeformen aussehen, als wären sie mit gleichmäßig gestrickten grünen Textilien bezogen. Wir kommen an Fjorden und den Papey-Inseln vorüber, die im Roman „die Eidbrüder“ erwähnt werden und 2 – 3 mal hält der Bus in kleinen Ortschaften an. Hier ist wenig los – und wenn die Landschaft auch als Ganzes ebenso großartig wie gottverlassen ist, so verspricht sie zum Wandern doch nicht viel Abwechselung. Klassischerweise beginnt es wieder stärker zu regnen. Als die Ringstraße eher einer Piste gleicht und wir noch die Küste verlassen, um einen Paß zu überqueren, spritzt sichtnehmender Schlamm an die Scheiben, auf voller Länge des Busses. Die Strecke landeinwärts Richtung Egilsstadir ist aber ohnehin nicht sehenswert und von dem Ort selber haben wir, was dessen Attraktivität belangt, wenig ermutigendes gehört.



Tatsächlich – ein weiterer hingewürfelter Ort, der Anna (die schon in Nordamerika war) an kleine Ortschaften in den USA erinnert: Supermarkt, Hotel, Tankstelle – in diesem Fall sogar ein Flughafen – bilden das sichtbare Zentrum, Einfamilienhäuser und andere Zweckbauten ordnen sich darum. Am Busumschlagplatz, der gleichzeitig Campingplatz und Touristeninformation ist, erkundigt sich Anna bei einer jungen Angestellten, wie wir die 4 1/2 Stunden Wartezeit auf den Anschlussbus totschlagen können. Mutig schlägt sie uns, daran hatten wir auch gedacht, das Schwimmbad vor. Dazu einen etwas entfernten Wasserfall, den man „hintergehen“und sich in ein Gästebuch eintragen kann („it’s really cool“). Hm. Außerdem beschreibt sie eine weitere Sehenswürdigkeit, deren englischen Namen sie nicht kennt und es daher mit einer umständlich formulierten Beschreibung und einer krakeligen Skizze probiert. Wir versuchen geduldig zu folgen, obwohl wir uns längst für Schwimmen entschlossen haben. Im Nachhinein macht uns aber auch der dritte Vorschlag neugierig, den Anna für einen Aussichtspunkt, ich für einen Irrgarten halte. Das Wetter ist „scheiße“. Das Schwimmbad beheizt und oben ohne, wie immer mit (diesmal sogar 2) Hot-Pot. Sehr gut, das einzig vernünftige und außerdem typisch isländische, das wir tun können. Lange Zeit bleibt uns anschließend zum Einkauf beim Bonus-Markt.




Wir kaufen einerseits Essen für die Fährfahrt und suchen dazu nach landestypischen Mitbringseln. Außer Skyr, schokoladenüberzogener Lakritze und Trockenfisch gibt es kaum etwas wirklich Originelles. Laut einer Statistik in einer isländischen Zeitschrift gibt es in einem durchschnittlichen Supermarkt 16 Varianten der Schokolade-Lakritz-Kombination und wir beobachteten auch, wie diese von Einheimischen konsumiert wurde. Der Fisch ist ein zweifelhaftes und dazu noch teures Andenken, dennoch decke ich mich ein, während Anna sich an Lakritze hält. Im tiefsten Lavageröll des Eldborg hatte Anna die Assoziation von Schokocrossies und tatsächlich - es gibt ein vergleichbares Produkt zu kaufen, das sich Hraun, also Lava nennt! Wieder stehen wir und warten auf den Bus, der sich diesmal als VW-Bus entpuppt, den nicht einmal eine Handvoll weiterer Reisender nutzen. Über eine Passstrasse kommen wir ein letztes Mal Wolken und Schnee nahe, dann fällt der Weg in den Fjord ab. 20 Minuten dauerte die Fahrt nur und da es hier unten im Ort wenig Platz zum Ausweichen gibt, entscheiden wir uns gleich für den Zeltplatz.
Der ist auch ganz hübsch mit vielen kleinen durch Hecken und sogar Bäumchen abgeteilten Eckchen. In einem, wo noch keine weitere Nachbarschaft existiert, bauen wir das Zelt auf. Dann machen wir uns gleich auf den Weg zu einem Erkundungsspaziergang. Es ist gerade erst Abend geworden und das wetter verhält sich ganz angenehm: trocken ist es und ab und zu scheint sogar ein bisschen Sonne. Eine Menge wohnwagen und Zelte sind zu sehen – sicherlich auch viele Abreisende, die wie wir auf die Fähre am nächsten Morgen wollen.




Seydisfjördur finde ich bisher den hübschesten Ort. Er ist weniger steril und industriell, als die anderen Käffer, macht einen bunten und lebendigen Eindruck. Viele häuser haben bauliche elemente, die über das pragmatische 0815 hinausgehen, sind phantasievoll gestrichen und dekoriert. Zentral ist eine hellblaue Kirche mit einem leicht schnörkeligen Turm. Entfernt erinnert mich hier alles an Orte, wie z.B. im Wendland, wo Bewohner um liebevolle Gestaltung ihrer Grundstücke bemüht sind. Umgeben ist der Ort von hohen steilen Felswänden, teilweise lupinenbewachsen, die oben z.T. noch schneebedeckt sind und an denen Wasserfälle hinunterrauschen. Unser Spaziergang führt uns vorbei an Läden wie Souvenirshop und Supermarkt, sowie einem Esoteriker-Weltfolklore-Bedarfshandel und einem schwierig zu deutenden spärlich bestückten Laden mit Handarbeiten und evt. Second-Hand-Waren, der beinahe russisch anmutet. Schliesslich erreichen wir den Hafen, wo eigentümliche, beinahe skurrile Gebäude, Autowracks und abgetakelte Boote herumstehen. Ein giftgrün gestrichenes halb verfallenes Haus, das an einen alten Eisenbahnwaggon erinnert, beherbergt einen Gebraucht-Elektro-Gemischtwarenladen, der Simon in seinen Bann zieht, aber nicht geöffnet hat. Er wirkt wie aus einer anderen Zeit. Nebenan befinden sich längliche Gebäude, die an Lagerhallen oder Werkstätten erinnern. Durch die Fenster können wir schiffstechnische Geräte, eine alte Taucherkluft und einen 50erJahre-Kinderwagen erspähen (u.a.). alles überstrahlt von einem morbiden Charme. Langsam dämmert uns, dass dieses merkwürdige Gelände mit all dem "nutzlosen" Gerümpel eine Art im Aufbau befindliches heimatgeschichtliches Museum sein muss. Leider geschlossen momentan. Schwierig zu sagen, ob der Elektroladen Teil des Museums ist.
Als wir zum Zelt zurückkehren, hat ein „Lehrerehepaar“ Tisch und Bänke, die sich ca. 1 m davon entfernt befinden, okkupiert und seine Feldküche ist in Aktion. Gern hätten sie wohl unsere Gesellschaft gehabt,bemerken noch, dass wir „auch Deutsche“ sind. Aber wir sind halt unfreundliche Landsleute, die sich höflich, aber etwas genervt schnellstmöglich in ihr Zelt verkriechen, wo genug Platz ist für die Zubereitung des heutigen Spezialmenüs bestehend aus:

1. Gang: asiatische Ekel-Instant-Suppe/ Simon nennt sie „Telefonkabelsuppe“.
2. Gang: Draumur-Lakritzriegel =Vollmilchschokolade, die eine relativ normale Lakritzstange enthält.
3. Gang: Spaghettibrösel mit Käsefertigsauce auf Sojamilchbasis
Wir betrachten noch unsere Mitbringsel und schlafen bald ein. >>>>