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17. Tag | Erster Tag auf der Fähre

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Morgens bin ich weitaus früher wach, als der Wecker gestellt ist. Ich bin in Aufbruchsstimmung und trotzdem traurig, nun wieder abreisen zu müssen zumal das Wetter schöner zu werden verspricht. Ich freue mich, Zeit für ein ausgedehntes Frühstück mit 2 Portionen Kaffee zu haben und ganz in Ruhe packen zu können. Unsere Fähre „Nörröna“ der Smyril-Line ist inzwischen auch eingetroffen und liegt im Hafen bereit. Das Frühstück verläuft noch ganz harmonisch bis Streit darüber entbrennt, wie und wann die letzten Kronen ausgegeben werden sollen, bzw. ob überhaupt. Der Streit spitzt sich hässlich zu und überschattet den Aufbruch bzw. Abschied von Island. Fast drei Wochen aufeinander hocken zu müssen ist für 2 relativ eigenwillige Personen eben auch nicht nur einfach! Trotzdem schaffen wir es schweigend und trotzdem gemeinsam das Zelt abzubauen zur Unterhaltung des frühstückenden Lehrerehepaares, das noch neben uns sein Zelt aufgebaut hatte. Danach kaufen wir im Supermarkt Brot und Milchkekse als Reiseproviant. Es ist immer noch relativ viel Zeit bis zur Abfahrt. Schweigend setzen wir uns auf die Tisch +Bänke-Konstruktion. Das Lehrerehepaar ist bereits spurlos verschwunden. Ich betrachte noch die hohen Berge und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Um uns herum bauen noch andere Leute ihre 1-Mann-Zelte ab. Irgendwann gehen wir dann los zur Fähre, bahnen uns einen Weg durch die lange Autoschlange – Hunderte an Fahrzeugen scheinen es zu sein, bis wir kapieren, wo der Fußgänger-Check-Inn stattfindet. Dort heißt es nochmals warten, im dafür vorgesehenen Raum, bis Punkt 11 die Brücke zur Fähre freigegeben wird. Natürlich suchen wir erstmal schnell unsere Aussenkabine auf. Sie erinnert an einen Wohnmobil-Innenraum. Das tollste aber ist die Hosen-Presse. Ich entscheide sofort, dass Simon im oberen Bett schlafen muß, da es mir suspekt ist. Er hat kein Problem damit. Schnell pflücken wir den Inhalt unserer Rucksäcke auseinander, um ihn in der Kabine zu verteilen, damit alles noch trocknen und lüften kann in den nächsten zwei Tagen. Nach einem schnellen Käsebrot-Imbiss gehen wir nach oben an Deck um bei der Abfahrt schauen und winken zu können/jedenfalls in Gedanken. Irgendwann beginnt der Ort, sich langsam und gemächlich zu entfernen, es folgen die Grüße der Schiffshupe. Schon bald ist Seydisfjördur mit seiner blauen Kirche schon hinter Felswänden verschwunden. Sicherlich ein schöner Ankunftsort – vor allem im Vergleich zum Keflavik-Flughafen. Nun geht die Fahrt noch an vielen Felsen vorbei, manchmal tauchen hie und da ein paar Häuschen auf. Es ist natürlich windig und ich habe nur die Katzenfelljacke an. Viele Leute ziehen sich sofort ins Schiffsinnere zurück, als Seydisfjördur nicht mehr zu sehen ist (der Ort, wo die Eltern unseres Retters wohnen). Viele andere bleiben aber auch draußen, umklammern dabei fest die Film und Fotoapparate – wer zum Teufel soll sich das bloß alles nachher anschauen fragen wir uns. Besonders beharrlich filmt eine Hippiefrau, die einen mann mit ketchuproten langen Haaren und einer giftgrünen Hose hat. Eine andere Frau tänzelt schon performanceartig vor der Reling auf und ab und hantiert dabei immer wieder umständlich mit ruckartigen Bewegungen an einer altmodisch aussehenden Kamera, die sie über der Schulter hängen hat, herum. Benutzen tut sie aber nur eine Digitalkamera. Sie ist eine auffällige Erscheinung, wirkt angetrunken oder psychisch gestört. Die beharrlichste Person hier draußen bin jedoch ich. Trotz der Kälte den Blick nicht von der sich langsam entfernenden Insel lösend. Zeitweise alleine betrachte ich, wie mit zunehmender Entfernung ihre Formen immer weicher aussehen, blau und durchsichtig werden, so dass sie irgendwann kaum noch von den Wolken am Horizont zu unterscheiden sind, mit denen sie verschmelzen. Irgendwann fast gar nicht mehr. Langsam löst sich Island in den Wolken am Horizont auf. Als wäre alles nur ein Traum gewesen. Ich brauche aus psychologischen Gründen diesen langen Abschied, um ihn begreifen zu können. Schliesslich treibt die Kälte auch mich nach drinnen. 3 Stunden sind inzwischen vergangen – wer hätte das gedacht? Und genauso lange schlafe ich jetzt noch mal, was faszinierend gut geht, wenn man dabei auf den Wellen des Ozeans wie in einer Wiege geschaukelt wird. Als ich wieder aufwache, will ich denn auch mal das Innere der Fähre und den Duty-Free-Shop inspizieren. Alles fürchterlich, grauenvoll! Halt wie ein liebloses Standard-Hotel. Sauber, zweckmässig und un-originell! Warum zum Teufel können sich die Gestalter solcher Räume nicht etwas mehr Mühe geben? Leider muß ich jetzt mal in der Rolle einer arroganten Kuh sagen, dass es andererseits auch ganz gut zu den meisten Passagieren passt, so wie es ist. Konsumterror sondergleichen umzingelt einen auf der 5. Etage. Spielautomaten jeglicher Art, Fetzen von schrecklicher Stampfmusik verbreitend Cafeteria, Restaurant, Bar, Disco – überall soll man natürlich kaufen, kaufen, kaufen. Auch das wirft die Frage auf, wer sich das bitte leisten können soll? Aber die dänischen Kronen fließen – nicht zuletzt mein Geld verwandelt sich in diese Form. Man kann dem Konsum nur schwierig entkommen, da es schwerfällt, sich den ganzen Tag über sinnvoll zu beschäftigen und immer nur Käsebrot zu essen mit Leitungswasser, das ein höchst unangenehmes Chloraroma besitzt, so dass ich einen ziemlichen Ekel davor habe. Erstmal bin ich gar nicht sicher, ob es gesundheitlich vertretbar ist, davon mind. 2 Liter täglich in sich hineinzuschütten. Das Duty-Free-Shop-Angebot finde ich auch absolut enttäuschend: lieblos-kitschige Souvenirs, übliches Programm Strickwaren, ein bisschen Spielzeug, ansonsten Alkohol, Tabak und Süßwaren. Leider auch hier nichts wirklich originelles dabei, von dem man das Gefühl hätte, es anderswo nicht zu bekommen. Ich bin traurig, weil ich gehofft hatte, isländischen Lakritzschnaps und Bierflaschen mit schönen Kronkorken bzw. etiketten hier zu finden – Fehlanzeige. Nicht schön, dafür etwas ausgefallen ist das färöische Bier. Trotz des Frusts habe ich nachher ein paar Sachen in meinem Plastikkörbchen: Süßigkeiten, die zwar nicht inhaltlich, aber form- bzw. darreichungsmäßig originell sind und über die meine Familie sich freuen wird. Desweiteren: ein grosser warmer Schal aus färöischer Schafwolle. Nachdem ich – wie immer- extrem lange gebraucht hatte, um mich für die richtige Farbe zu entscheiden (zwischen weiss, hell-, mittel- und dunkelgrau und dunkelbraun) bin ich schliesslich voll zufrieden mit der dunkelbraunen Variante. Ich finde den Schal für ca. 25 Euro nicht teuer und sehe ihn als Ersatz für den schönen grauen Schal, der mal verlorenging. Und was ich gleich als erstes in der hand hatte, war ein sog. „Eselspiel“. Ich hatte mich wie ein Schneekönig gefreut, in der annahme, es handele sich dabei um „Packesel“ – eines der wenigen Spiele, die ich mag, wo man um die Wette kleine bunte Holzstäbchen auf dem Rücken eines Holzesels stapeln muß – die umgedrehte Mikado-Variante. Später in der Kabine trifft mich der Schlag, als ich feststellen muß, doch nur ein langweiliges, beklopptes Kartenspiel – wie sie mir zutiefst verhasst sind – gekauft zu haben. Und beim schal, in den ich ganz verliebt bin, wirklich sehr, stellt sich auch als etwas mit der heissen Nadel gestrickt heraus: am Rand bemerke ich Maschen, die, weil der Faden an den jeweiligen Stellen sehr dünn ist, gefährlich empfindlich aussehen. Ich kann nur hoffen, dass er mich dennoch lange begleiten wird, mein lieber Schal.
Nun bin ich schon etwas fährerfahren und daher nicht zu schocken oder zu locken von den Angeboten an Bord, aber eine Flasche Wasser habe ich auch gewollt. Leider nichts zu lesen dabei, außer dem Gletschervorlesebuch. So geben wir uns Schlaf und Schaukel hin. Zum gute-Nacht-Gang zieht es uns aufs Deck, Meer und Himmel grau in grau, nur wenig verlorene Geister unterwegs. Anna huscht hinein, ich verweile noch. Mit einem Mal flammen alle Scheinwerfer und Lichtröhren auf, es ist nun 22.00 h, sie gehen – möglicherweise nach Lichtsensoren mehrmals an und aus. Anna kehrt zurück, wir kauen eine geopferte Packung Leinenlakritze und schauen umher. Nach einem Rundgang auf Annas Lieblingsdeck 5, wo wir auf einer Karte feststellen, dass unser Zielhafen ganz im Norden Dänemarks liegt, ziehen wir uns zum Leseabend in die Welt der Gletscher zurück, schlafen schließlich von Atlantikwellen geschunkelt ein. >>>>