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18. Tag | Zweiter Tag auf der Fähre

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Morgens wache ich zuerst auf und bin relativ munter. Das Wetter ist nicht gerade berauschend, was Simon zu der Aussage veranlasst, er würde den Tag am liebsten durchschlafen. Nach dem frühstück mit Skyr und Käsebrot will ich schnell zum „Shop“, um trinkbares Wasser kaufen zu gehen. Für 4x 0,5 Liter zahle ich 7,50 Euro! Das entspricht dem Preis des blödsinnigen Eselspiels. Übrigens wachen wir im färöischen Thorshavn auf, gewissermaßen der Heimat der Nörröna – sie liegt hier seit 5 h morgens, was ich noch mitbekam, Simon nur im Halbschlaf. Wir gehen an Deck, um alles kurz in Augenschein zu nehmen. Aus unserem Kabinenfenster sah man bloß einen relativ kleinen Ausschnitt – nun stellt sich der Ort doch relativ groß dar. Ich merke schon, es sit heute nicht Simons Tag. So kaufen wir noch Kino-Karten für die 16 h – Vorstellung. Da wird die Johnny-Cash-Biographie-Verfilmung „Walk the Line“ gezeigt. Einen Automatenkaffee ziehe ich mir auch noch auf dem Rückweg in die Kabine. Dort schreibe ich erstmal lange und ausgiebig Tagebuch, während Simon in eine Art Dornröschenschlaf fällt. Irgendwann lege auch ich mich ein bisschen hin – weniger aus Müdigkeit, sondern weil der Konsum von zuviel Kúlur in Verbindung mit der Schiffschaukel ein flaues Gefühl in meinem Magen verursacht. Natürlich döse ich auch bald ein. Gegen 14 h bin ich wieder wach und voller Tatendrang. So wecke ich Simon. Wir essen unsere Mittagsmahlzeit, ich schreibe noch ein bisschen Tagebuch und schon ist es plötzlich Zeit fürs Kino. Es befindet sich gegenüber dem Infoschalter und nach dem film fragen wir dort, ob es Neuigkeiten bezüglich des Rückwegs aus Hanstholm gibt. Wir werden auf den morgigen Tag vertröstet. Als weitere stimmungsfördernde Maßnahme will ich Simon zum Essen einladen. Das Angebot ist nicht gerade umwerfend! Ich vergesse immer wieder, bloß auf einer Fähre zu sein, die ja nicht darauf angeweisen ist, dass die „Kundschaft“ wegen besonderer Qualität von Essen, Service etc. wiederkommt. Im richtigen Restaurant steht nichts auf der Karte, was uns wirklich gefallen würde. Dafür ist es alles recht teuer – in der Cafeteria gibt es nur Fleischgerichte, halt Kantinenessen und Fast Food. Leider nichts mit Fisch heute.
Jaja, Kantine. Im „gehobenen“ Restaurant auf der 6. Ebene standen übrigens auch Papageientaucherbrust und Walsteak auf der Speisekarte; kam aber nicht in Frage, weil beide zu der singenden Spezies der Erde zählen und wir nur essen, was stumm stirbt. Fisch=Fehlanzeige in der Kantine. Das einzige, was in unser Jagdprofil passte, war Pizza, die dazu noch vergleichsweise billig zu haben war. Das heißt, zunächst war sie nicht zu haben, weil ausverkauft. So bildeten wir den Kopf einer kleinen, aber hinderlichen Schlange im Kantinenbetreib und mussten ca. 10 min warten bis uns der Nachschub bereitgestellt wurde - so dass „das Fett bis an die Decke spritzte“ (nach Annas Beobachtung). Die Einnahme erfolgte unter vielseitiger Beschallung, die wir während unseres Islandaufenthaltes schon vermisst hatten. Anna wollte rasch weiter, als ich mich gerade in das auf einem der Bildschirme laufende Programm vertiefte. Auf dem Rückweg in unsere Kabine sahen wir schon: Land in Sicht. Auf der Kabine ergänzten wir die Pizza mit eigenen Vorräten, während wir aus dem Fenster sahen und der aus dem Lautsprecher erklingenden Erläuterung lauschten: wir umrundeten gerade die Südspitze der Shetland-Inseln. Klar, dass wir nun noch mal an Deck strebten, um uns bei bewegtem Himmel der Attraktion sich näherndem Lands und vorüberziehender Küsten hinzugeben. Besonders schön beleuchtet und bei steiler Küste doch beinahe lieblich geschwungen, ohne Wald und ohne jähe Erhebung, so waren die Shetland-Inseln. Über eine Stunde blieben wir an Deck, genossen die durchbrechende Sonne und die pittoreske Einfahrt in die Bucht von Lerwick, vorbei am Zuckerbäckerleuchtturm und schafarmen Schaffarmen näherten wir uns der kleinen Hafenstadt; einer Legolandanlage nicht unähnlich, mit auffällig vielen grau-grauen Häusern, grau offenbar nicht aufgrund irgendeines Mangels. Eher ein landestypisches Stilmerkmal, vermuten wir. Die Inseln gehören zu Schottland. An diesem Abend hatten wir das erste Mal richtig Freude an den Vorzügen einer Fährfahrt. Durchgefroren wärmten wir uns später an der Lektüre unseres Buches, am Blick auf die Wellen und an Färöer-Bier. Nach dem Ende von „Am Gletscher“ beschlossen wir den Tag mit der Betrachtung der nun schon nachtdunklen, grauen Wellen des Nordatlantik.


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Der Rest der Reise: Ankunft im dänischen Fährhafen Hanstholm am nächsten Nachmittag, Trampen nach Aalborg, weiter mit dem Zug nach Flensburg, dort eine Nacht um die Ohren gehauen und morgens mit dem ersten Zug nach Hamburg weiter...