<

2. Tag | Regen am Eldborg

....................................................................................................................................................

Das Erwachen am nächsten Morgen bringt zunächst zwei Eindrücke: der Regen, der nach wie vor gegen das Zelt prasselt und nun auch heftiger Wind, der am Zelt rüttelt und sich dagegen drückt. Wir haben dennoch beide gut geschlafen und auch kein Problem damit, zunächst liegen zu bleiben. Trotz des garstigen Wetters vermittelt das Zelt das Gefühl, dass wir darin zuverlässigen untergebracht sind, so fühlen wir uns ganz behaglich. Durch den Regen laufe ich zum Bach, den wir gestern überquerten um Wasser zu holen und das Geschirr zu spülen. Dieser Flecken Erde gehört zwar zu einer weitläufigen Schafweide, die an das Lavafeld des Eldborg grenzt – ist aber hübsch anzusehen und entfaltet mehr Aura als eine gewöhnliche Weide oder Wiese. Wir frühstücken – Müsli und Kaffee (diesmal im Zelt gekocht) und richten uns darauf ein, erstmal häuslichen Tätigkeiten wie dösen, lesen und schreiben nachzugehen. Die Ungewißheit, wie lange wir warten werden müssen, bis das Wetter besser wird, drückt die Stimmung, insbesondere Anna ist unzufrieden. Im Laufe des Tages werden die Einschätzungen zu unserer Lage noch weiter auseinander gehen. Ob unsere Ausrüstung dem stundenlangen Regen standhalten würde, wenn wir weiterziehen würden – blieben unsere Regensachen und die Schuhe wie bisher dicht, wenn wir sie den ganzen Tag diesem Wetter ausgesetzt würden? Einen kleinen Ausflug in die Umgebung wollten wir später wagen. Erstmal lagen wir also herum, schrieben Tagebuch, lauschten Wind und Regen.
Um 16 Uhr packten wir uns schließlich in unsere Outdoorkluft und verließen unser gutes Zelt in Richtung des Kraters, der mal mehr und mal weniger von Wolken verhangen war. Anfangs hielten wir noch Ausschau, ob wir nicht doch den Wanderweg finden könnten. Hinter dem nahen Weidezaun begann unmittelbar das Lavafeld. Birkenkrüppel bilden hier dichtes Gebüsch, dazwischen immer wieder Inseln mit Felsen, Heide, Moos und Beerensträuchern. Das Gelände steigt gleichmäßig aber kaum wahrnehmbar zum Krater hin an, die Unebenheiten des Geländes bilden bald einen Irrgarten, aus dem heraus sich mal ein Ausblick in die nähere Umgebung und den Krater ergibt, dann sind wir wieder in einen kleinen Kessel, ein winziges Tal geraten, sind von dem Gestrüpp und Geröll verschluckt. Mich erinnerte diese Landschaft an das kleinteilig angelegte aber ausgedehnte Alpinum des Botanischen Gartens in Marburg oder wie ich mir die Moorlandschaft bei „Der Hund von Baskerville“ vorstelle. Anna denkt an die Dünen auf Sylt. Die dichten Krüppelbirkenhecken sahen von Ferne wie moosbewachsene Flächen aus, über die sich leicht spazieren liesse. In Wirklichkeit ist diese dichte Oberfläche aber das vom Wind geschliffene Dach der Birkenhecken. Manchmal kriechen sie nur, bilden einen ca. 30 cm hohen Bodenbelag, zuweilen ist dieses Dach auch von bis zu 2 m hohem Geäst getragen. Meistens konnten wir diese Dornröschenhecken durchqueren, oft müssen wir auch ausweichen. Einige Steingruppen innerhalb des Lavafeldes hielten wir von Ferne für künstlich aufgeschichtete Wegmarken, es zeigt sich jedoch, dass sie auf irgendeine Art natürlich entstanden sein müssen. So schlängelten wir uns ohne Wegweiser durch das Gestrüpp, den geheimnisvollen Eldborg als Ziel vor Augen. Dabei gelangten wir immer an neue versteckte Plätze, die trotz der jeweils immer gleich bleibenden Elemente (Birke, Lava, Moos) einen besonderen Eindruck machen und Abwechslung in der schroffen Einöde bieten. Eine Ausnahme bildete eine auffällige Fläche an und auf einem etwas größeren Hügel. Auf dieser Fläche wuchs überhaupt nichts und am Boden befindet sich ausschließlich ein rotoranges Material, ähnlich dem Stoff, der in den 80er Jahren unter dem Namen „Hydrokultur“ oder „Seramis“ die Büropflanzenszene eroberte. Merkwürdiges rotes Land, von uns Seramis getauft.



Simon fühlt sich wie ein Astronaut bei der Erkundung einer Mondlandschaft...plötzlich sind in einiger Entfernung zwei andere Astronauten zu erkennen, gerade dabei den Krater zu besteigen. Ein bisschen gruselig – und gleichzeitig tröstlich zu wissen, dass wir nicht die einzigen Menschen sind, die hier im Dauerregen umherstreifen.
Wir sind also nicht die einzigen auf diesem unbekannten Planeten! Nach ca. einer Stunde kommen wir selbst am Fuße des Kolosses an und beginnen mit dem Aufstieg. Die Außenseite besteht letztlich nur aus nacktem Lavagestein, an dem wir jetzt steil empor klettern.
Obwohl eigentlich kein Nebel über dem Land liegt, ist der obere Teil des Eldborg in Wolken. Schließlich oben angekommen, schauen wir unvermittelt über die scharfe Kante des Kraters in die Tiefe – noch steiler als an der Außenseite geht es hier hinab. Die Öffnung des Eldborg ist kreisrund und die gesamte Form innen wie außen vollkommen regelmäßig. Der Durchmesser beträgt am oberen Rand 200 m, die tiefste Stelle, zu der die Abhänge spitz zulaufen liegt 50 m unter uns. Der Eindruck, den dieser Anblick auf uns macht, ist schwer wiederzugeben. Mir scheint es die Steigerung und Zuspitzung der auch im Lavafeld spürbaren Stimmung zu sein. Oft reicht mir selber ein kurzer Blick auf solche Orte, ich nehme gern dieses erste Gefühl der Entdeckung mit. Anna hätte gern den Rand umrundet – die gegenüberliegende Seite des Kraters ist jedoch kaum zu sehen, zeichnet sich bloß als Silhouette ab. Wir haben gehört, dass es an einigen Stellen möglich sein soll, in den Krater hineinzuklettern – wo wir stehen ist es ausgeschlossen, viel zu steil! So starren wir nur hinab in den lavaschwarzen moosgrünen Rachen. Wir wundern uns, dass die beiden anderen Astronauten nicht mehr zu sehen sind – hatten wir uns etwa getäuscht? Da das Lavafeld über das wir hierherkamen immer öfter im Nebel verschwindet, und die Richtung aus der wir kamen, kaum mehr auszumachen ist, kehren wir lieber um: Ohne Kompaß oder Orientierungsmöglichkeit wollten wir auf keinen Fall im nebelverschlungenen Irrgarten enden. Auf dem Rückweg ist die Sicht zum Glück wie zuvor und wir kommen schließlich gut zu unserem "Basislager".
Als wir uns die Regensachen auszogen, stellten wir fest, dass meine alten Bundeswehrstiefel nicht dicht geblieben waren und auch Annas Regenhose ihre Bestimmung nicht ganz erfüllt hat - die Jeans darunter war nass geworden. Schlagartig war Annas Stimmung am Boden. Sie verfluchte das Land, war fest überzeugt, dass es die gesamte Zeit über wie bisher regnen würde, sie krank werden würde und sie besser eine Busfahrt gechartert hätte, statt mit mir zu zelten: ich konnte sie weder trösten, noch ihr Mut machen. Sie entgegnete nur: „wir werden in Flüssigkeiten ertrinken“ Dabei war es im Zelt trocken geblieben, sogar trockneten die nassen Sachen etwas. Lediglich an den Ecken des Innenraumes zeigten sich wenige eindringende Tropfen. Natürlich war nicht sicher, wie lange der Regen anhalten würde und mit undichter Hose bzw. Schuhen wäre es kein Spaß im Unwetter herumzuschleichen. Ich war nun auch angesteckt und zum Glück schliefen wir beide erstmal ein, statt uns weiter in schlechter Stimmung zu suhlen.

Dann: wir erwachten am frühen Abend und hörten weder Regen noch Wind. Wir sahen aus dem „Fernseher“ (einem der beiden Zelteingänge) und hatten auch beide den Eindruck, dass es heller geworden war. Ich erspähte schließlich aus dem anderen Fernseher den ersten Streifen blauen Himmels, der sich langsam über größere Teile des Himmels ausbreitete. Wie ein Suchscheinwerfer fuhr die Sonne aus den Wolken und ließ immer neue Teile des Landes aufblitzen, bis wir schließlich selber von der Sonne beschienen wurden. Schlagartig war nun unsere Stimmung aufgehellt, vor allem Anna war heilfroh und ihre Befürchtungen wie weggeblasen. Die Wolkendecke hob sich und euphorisch sahen wir das erste Mal mehr von den umliegenden, teils schneebedeckten Bergen. All dies schauten wir mit und ohne Fernglas an und freuten uns riesig, plötzlich mitten im erhofften Fotobandland zu sein. Bevor es ganz aufgeklart war, sind wir noch am kleinen Fluss gewesen, konnten das Wasser daraus jedoch nicht brauchen, weil sich durch den Regen so viel Boden hineingemischt hatte. So schöpften wir aus flachen Pfützen, die sich auf einem großen Steinplateau gebildet hatten. Der Boden dieser Pfützen bestand aus feinem Sand, darauf bildeten größere Steinchen eindeutlich sichtbares gleichmäßiges Muster, ähnlich wie Waben. Wir aßen die Fertigmahlzeit „Kartoffeltopf mit Röstzwiebeln“ mit noch mehr Röstzwiebeln. Wir schliefen nun in freudiger Erwartung des nächsten Tages ein. Vorher hatten wir unsere nassen Hosen, Jacken, Strümpfe und Stiefel dem trocknenden Wind ausgesetzt und noch Tagebuch geschrieben. >>>>