<

3. Tag | Im Eldborgahraun

....................................................................................................................................................



Frohes Erwachen in strahlendem Sonnenschein! Im Laufe der Nacht haben sich die Wolken immer weiter verzogen. Die Sonne wärmt nicht zuletzt das Herz – so dass nun wieder alles Spaß bringt: Wäsche draußen in den Krüppelbirken, zwischen denen unser Zelt aufgestellt ist, aufzuhängen, Wasser vom Fluß zu holen, der auch inzwischen wieder klar ist und im Fernseher endlich das Schneehuhn – bisher in erster Linie durch Kehlkopfgesang in Erscheinung getreten- bestaunen zu können. Auch das Frühstück schmeckt, mit dem wir Kraft tanken, um jetzt endlich weiter zu ziehen. Gepäck und Zelt sind schnell verstaut. Immer wieder werfen wir beinahe ungläubige Blicke in die Umgebung: die riesigen sehr unterschiedlichen Berge und der blaue Himmel wirken fast wie im Traum. Heute machen wir uns noch einmal die Mühe, den angeblich vorhandenen Weg zu suchen – finden lässt er sich jedoch nicht. Dafür aber eine Strecke mit weniger Hindernissen in Form von Krüppelbirken und Sträuchern, was sich auch angenehm auswirkt, wenn Gepäck auf dem Rücken ist. Dieses lassen wir schließlich am Fuße des Kraters liegen. Der „Aufstieg“ erfolgt heute von einer anderen Stelle aus. Teilweise eine wackelige Angelegenheit, da die spröde Lava gern ab und zu krachend unter den Füssen weg bricht und nach unten rollt. Ich muss also auf meinen Kopf gut aufpassen. Oben angekommen, setzten wir uns auf den Rand des Kraters und sind noch einmal gebannt von dessen Anblick – zumal heute zwar nicht die nebulöse Gruselstimmung vorhanden ist, dafür die klare Sicht auch den Blick auf die hinter dem Eldborg befindliche Landschaft ermöglicht. Bis aufs Meer können wir schauen und nehmen die Ferngläser kaum noch aus der Hand. Höchstens für ein paar Macadamia-Nüsse. Simon ist sogar ausnahmsweise motiviert zu einem Zeichenversuch. Nun lässt sich die Umgebung mit der Karte abgleichen. Spielzeugklein und auch spielend erreichbar erscheinen die rar gesäten Gebäude, z.B. der berühmte Hof „Stóra-Hraun“aus der Charles-Fergus-Saga „Ein Sommer in Island“ über ein kleines verlassenes Haus im Watt namens „Little Lava bzw. Litla-Hraun“ – welches momentan nicht in unserem Blickwinkel liegt. In der weiten Landschaft lassen sich Entfernungen kaum realistisch einschätzen. Wir beschließen, zunächst „Stóra –Hraun“, das hinter dem Lavafeld des Eldborg liegt, anzusteuern, um später evt. noch ein Bad in der Schule vom Hnappadalur zu nehmen, die lt. Karte über ein Schwimmbad verfügen soll...guter Dinge starten wir die Durchquerung des Lavafeldes. Vom in der Karte verzeichneten Weg fehlt jede Spur, also: querfeldein!



So stolpern wir zunehmend mehr als dass wir gehen durch moosbewachsene Lava, die brüchig, rissig und rau ist – auch Sträucher kommen noch manchmal des Weges. Wir bekommen immer mehr zu spüren, wie trügerisch der Untergrund ist. Wir sind gezwungen, quasi in Zeitlupe zu gehen, um bei jedem Schritt ganz vorsichtig die Trittsicherheit zu prüfen, wenn wir uns nicht die Knochen brechen wollen. Doch selbst diese Tests können täuschen. Wir müssen uns gut konzentrieren. Die Stimmung ist immer noch ebenso gut wie das Wetter. Bald sehen wir die berüchtigten „Lavaspalten – so groß, dass ein Mensch darin auf nimmer Wiedersehen verschwinden kann“. Der spröde graue Untergrund ist zum größten Teil „unterkellert“ könnte man sagen. Manche Schluchten erinnern an ein Flussbett eines Gebirgsbaches mit grossen Gesteinsbrocken darin. Jedoch kein Tropfen Wasser. Statt dessen hellgrüngrauer Moosbewuchs, gleich einem Teppich, der ganz weich und kuschelig wirkt im Gegensatz zur rauen Lava. In den „Gebirgsbachschluchten“ sieht das Moos aus wie Wasser, bzw. wie ein Brei der sich irgendwoher ergießt und weite Teile der Lava überdeckt. Immer noch bzw. immer mehr heißt es auf Schritt und Tritt zu achten trotz dieser atemberaubenden Eindrücke. Der Moosbewuchs überdeckt eben auch Risse und Spalten in der Lava. Deren Formationen werden immer bizarrer: teilweise türmen sich meterhohe felsnadelartige Gebilde vor uns auf. Eine Ansammlung solcher erinnert z.B. an eine Art Burgruine.
Plötzlich machen laut rufend zwei Raben auf sich aufmerksam. Sie können sich kaum wieder beruhigen und werden sofort unter die Fernsichtlupen genommen. Sind wir vielleicht die ersten Menschen, die hier herumstreifen und sie stören? Simon weiß bald die Antwort: Zufällig hat er auf der „Burgruine“ ihren Horst entdeckt, in dem zwei Junge– durchs Fernglas gut zu erkennen – hocken! Mit ihrer Show, die die schlauen Rabeneltern an einer ganz anderen Stelle abziehen, wollten sie uns wohl von ihrem Nachwuchs ablenken... Eine schöne Begegnung und umso eindrucksvoller, da es hier sonst keine anderen Lebewesen zu sehen gibt. Als wir weitergehen, verdichten sich am Horizont Lavaformationen, gegen die die Burgruine gar nichts ist! Ein furchteinflössender kaum zu beschreibender Anblick einer unendlich wirkenden grauen Wüste oder riesigen Geröllhalde, wo sich Brocken und Platten aufeinanderstapeln, was als Gesamteindruck wie eine Landschaft aus meterhohen Schokocrossies wirkt – durch die es nun zu klettern gilt – auch mit Einsatz der Hände, die nun einiges aushalten müssen. Den Moosteppich gibt es auch hier als Griessbreimörtel. Vergleichbare Anblicke oder Eindrücke hatten weder Simon noch ich jemals zuvor. Dafür nun eine wackelige schweisstreibende Zitterpartie. Ständig wird das Sichvorwärtshangeln vom dumpfen Klacken loser bzw. sich lösender Lavastücke/-platten begleitet.

Uns drängte sich beiden als Assoziation „Hölle“ auf – wie versteinerte Flammen starrt uns eine Phalanx von unwahrscheinlich geformten Lavaspitzen entgegen – kein Grün zu sehen und auch immer weniger Moospolster. Wir können nicht ahnen, wie es hinter der Barrikade aussieht, da die Brocken über unsere Köpfe ragen und den Horizont verstellen. Die Aussicht, hier zu scheitern, sich etwa die Knochen zu brechen, ruft bei uns beiden einen Anflug von Angst hervor. Aber wie meist, wenn es um äußere Bedrohungen von gewissem Ernst geht, halten wir zusammen und verhalten uns besonnen und vernünftig. Entmutigend ist, dass sich hinter jedem gerade überwundenen Hindernis schon das nächste zeigt und wir kaum vom Fleck kommen...
Nach einiger Kletterei schließlich scheinen wir doch aus dem Gröbsten heraus, es kommt wieder etwas magere Vegetation in Sicht und wir retten uns auf eine erhöhte Stelle, klettern auf einen Felsenklotz und schauen das Trümmerfeld umher an. Vom Krater aus hatte dieses Gebiet einen vollkommen harmlosen Eindruck gemacht! Wir staunen wieder über die z.T. unnatürlichen Formen, die aussehen, wie überdimensionierte Ergebnisse eines Silvesterbleigiessens. Angesichts einiger scheinbar von Menschenhand aufgetürmter Steinmarken stellt sich wieder die Frage, ob hier denn jemals ein Mensch vor uns war und wenn was er hier gesucht haben könnte. Sicher ist, dass sich hier höchst selten jemand hinverirren dürfte... Mit dem Fernglas können wir einen Felsblock ausmachen, der sich durch seinen intensiven Moosbewuchs auszeichnet – dies könnte der Horst des Seeadlerpärchen sein, das im Lavafeld heimisch ist, davon haben wir gelesen. Wir schöpfen neuen Mut und kämpfen uns weiter, es ist anstrengend aber wir versuchen, so gut es geht, den übelsten Trümmerhaufen auszuweichen – nun wo wir sehen, was der Eldborg alles ausgespuckt hat, gewinnt in unserer Erinnerung der Anblick seines Schlundes einen neuen Grad von Unwahrscheinlichkeit. Wir passieren mehrere ca. 10 m tiefe Senken, die bis zur Sohle trocken sind – sie sehen aus, als hätte hier ein Riese einen Löffel Lava aus dem Höllenpudding geschöpft. Bis auf diese Löcher ist die Ebene jetzt ohne Profil, ein einziges flaches Feld scharfkantigen Gerölls. Nach ca. 6 Stunden haben wir die Distanz vom Eldborg zu Stóra-Hraun bewältigt, die nur ca. 3 Kilometer beträgt. Was werden wir an dem Hof erleben, über den wir schon soviel gelesen haben?



An das Lavafeld, das auch ungefähr „Feuergartenhang/Brunnagardahlid“ treffend heisst, schliesst sich eine grüne Wiese direkt an, die im Löschwasser zu schwimmen scheint, also wieder ganz andere Geräusche beim Auftreten verursacht. Nach dem Überqueren stehen wir im Grunde genommen schon auf dem Gelände von Stóra-Hraun. Mitten in der Hölle hatte sich noch die Sohle von Simons Stiefel gelöst und wir hoffen, auf dem Hof Hilfe diesbezüglich und Tipps für den Weg zum Schulschwimmbad zu erhalten. Vor allem eine Gelegenheit, die Bewohner mal live zu erleben. Diese will sich uns zunächst nicht bieten. Obwohl wir Gräben und Zäune überwinden müssen, scheint sich niemand für uns Eindringlinge zu interessieren. Ein paar grosse Kaninchen schauen uns aus dem Garten an. Kurz vor der Hofeinfahrt kreuzt ein rotes Auto unseren Weg. Wir winken – und tatsächlich hält es daraufhin an. Eine junge Frau, die mich optisch entfernt an Sarah G. erinnert, wendet sich uns zu. Sie erklärt sich sofort bereit, uns zu der Schule zu fahren, da wir ansonsten den Fluss (Laxá!) überqueren müssten. Sie steigt aus, um Platz für unser Gepäck zu schaffen, dabei fällt mein Blick auf die Zahl „22“ die groß auf ihrem roten T-Shirt-Rücken prangt – es scheint sich um ein Fan-Trikot zu handeln, das auch mit einem (männl.) Spielernamen versehen ist. Diese 22 findet auf einem auffallend breiten Rücken Platz, das Mädel (Kristín?) ist ungefähr so gross wie eine Trollfrau – das wussten wir schon aus "dem Buch". In diesem Buch beschreibt ein US-Amerikaner seine Erlebnisse in genau dieser Umgebung; er hat einen Sommer lang mit seiner Kleinfamilie auf einem verlassenen Hof (Litla-Hraun) gelebt und dabei unter anderem auch etwas indiskret über die Familie von Stora-Hraun berichtet, z.B. dass der Auspuff ihres Autos auf der Strasse schleifen würde, weil alle so gross sind und es schwierig sei ihren Einladungen auf eine Tasse Kaffee zu entgehen.
Sie ist jedenfalls ausgesprochen nett und plaudert gleich munter drauf los: dass sie hier aufgewachsen wäre und jetzt in Borgarnes in der Aluminiumfabrik arbeiten würde, 4 Tage die Woche. Morgen früh hat sie Gabelstaplerscheinprüfung. Ich blättere in dem Lehrbuch, das vorne auf meinem Sitz lag und lache über comicartige Zeichnungen, die sie aus Langeweile hineingekritzelt hat. Sie beschwört, dass der Besitzer von Laxá, dem ohnehin das meiste Land hier gehören würde, paranoid sei – er wolle immer Bescheid wissen, ob jemand dort gewesen sei, um im Lachsfluss zu angeln, ohne die horrenden Preise (für den teuersten Fluss auf Island) zu zahlen...sie zeigt uns, wie man zu einer heißen Quelle gelangen kann – auch dies ein Geheimtipp, den der Laxá-Besitzer nicht gern hat. Sie erzählt noch von diversen Tieren, die auf Stóra-Hraun leben bzw. als Findelkinder groß gezogen wurden, u.a. Seehunde...Eiderenten gab es auch und die Hasen sind Nachkommen eines Pärchens, von dem zunächst angenommen wurde, dass es sich um zwei männliche Tiere handeln würde. Gegessen werden sie nicht. Schliesslich erreichen wir die Schule, wo auch unsere Fahrerin früher hingehen musste. Hier muss noch gesagt werden, dass die Schule ein vollkommen verloren in der Landschaft stehendes Gebäude ist, das von den Kindern der ganzen Region besucht wird. Und tatsächlich gibt es ein Schwimmbad! Irgendwann haben wir verstanden, dass wir ins Gebäude hineingehen müssen, das in der Sommersaison jeweils zum „Hotel Eldborg“ umfunktioniert wird, um jemand zu finden, der uns die Tür aufschließen könnte. Dieser jemand ist ein freundlicher Mann mit Elfengesicht - das zur Hälfte ein Vollbart bedeckt – und Islandpullover. Er grinst in seinen Bart und schließt uns die Tür zum Schwimmbad auf:
Wir können es noch gar nicht ganz begreifen, dass wir nun vor einem großen beheizten Außenpool stehen, der nur uns alleine zur Verfügung steht – dazu ein Heißwasserpool zum Drinnesitzen. Der nette Mann zeigt uns alles; ohne irgendwelche weiteren Einschränkungen lässt er uns dann alleine. Ich dusche lange mit heißem Wasser – Anna wäscht sich in der Damenkabine am Waschbecken, da sie glaubt, dass die Duschen nicht warm seien. Vor Anna plansche ich schon im dampfenden Pool – am Windschutz vorbei schaut man auf den Fluss, die Berge oder einfach in die gelb beleuchteten Wolken. Tauchend lasse mich unter Wasser treiben und geniesse diesen unverhofften Wellness-Luxus. Wie toll ist das! Anna kommt dazu, wir planschen noch ein wenig, bevor wir uns im Hot Pot entspannen. Da kommt der Mann, um sich nach unserem Wohlergehen zu erkundigen – sicher sieht er gleich, wie wohl wir uns fühlen. Wir sind schon entschlossen, auch bei der Schule zu zelten. Sah es erst so aus, als wären wir die einzigen Gäste hier, sind in der Zwischenzeit 4-5 Geländewagen mit Campinganhängern angekommen – Isländer mit Kindern und Hunden, alle recht laut. Zum Glück weist uns der Mann einen Platz auf dem „Sportplatz“ hinter der Schule zu, wo es schön ruhig ist und sich prächtige Aussicht auf die Berge bietet. Hier können wir fernsehen: Regenbrachvogel und Schneehuhn laufen vor unser Zelt und der gespenstische Gesang der Bekassinen erfüllt die Luft. Die Gebäude haben etwas containerartiges. Das Hauptgebäude ist weiß und weist keinerlei architektonische Spielereien auf – quadratisch praktisch gut. Die oberen 2 Stockwerke sind offenbar (unbelegte) Fremdenzimmer – unten ist eine einfache Kantine. Sonst gibt es eine Art Sport- oder Turnhalle und angeschlossene Baracken, in denen auch die zwei bis drei Unterrichtsräume untergebracht sind. Der nette Mann lässt uns die Tür unverschlossen, die zu den Toiletten führt.
Als ich später noch einmal beim Gebäude bin, begegnen wir uns und kommen ins Gespräch. Er fragt nach unseren Plänen – ich frage ihn nach den Wegen an der Küste. Er bietet mir einen Kaffee an und da er Reittouren durchs Watt leitet, weiss er genau Bescheid, zeigt mir den Weg durch das Watt auf der Karte. Und , ein Glück, er hat ein Heft, in dem die Gezeiten verzeichnet sind! Nach diesen Informationen hatte ich vorher (bei der Reisevorbereitung) vergeblich gesucht. Ohne über die Dauer von Ebbe und Flut Bescheid zu wissen, kann man die Wattdurchquerung eigentlich nicht wagen. Der Mann ist hilfsbereit, aber nicht aufdringlich. Obwohl wir keine für das Hotel besonders einträglichen Gäste sind, ist er bemüht, zieht sogar noch 5 Nägel aus der Wand, die als Schlüsselhaken dienten, und überlässt sie mir. Ich hatte nämlich gefragt, ob er Hammer und Zange habe und ob er Nägel entbehren könne. Erst sagte er, ich müsste noch bis morgen warten, da dann der Hausmeister käme – nun findet er doch noch das Werkzeug, so dass ich meine Schuhe flicken kann. Ich bin begeistert über diesen guten Abschluß des Tages, vor allem die wichtigen Hinweise zur Überquerung des Watts zu haben ist eine Erleichterung. (Auch wenn mir dieses Vorhaben nach wie vor etwas unheimlich ist: Schließlich wissen wir aus „Ein Sommer in Island“, dass hier an der Küste schon viele Menschen ertrunken sind). Während Anna schlaftrunken die Umgebung betrachtet, bereite ich das Abendmahl: heute wird richtig gekocht: Couscous mit Tomate und Parmesan – Anna sagt, dies sei das beste Essen bisher, finde ich auch. Gute Nacht. >>>>