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4. Tag | Bei Ebbe durch die Löngufjörur-Bucht

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Wir stehen früh auf, um die Zeitspanne nutzen zu können, in der das Watt über Mittag trockenliegt. Wie meist gibt es zum Frühstück Kaffee, heute dazu noch Frischkornbrei mit Korinthen und Apfelscheiben. Das Wetter sieht gut aus und wie gestern schon sehen wir zur Landseite in einiger Entfernung Berge – es gibt eine gewisse Vielfalt im Erscheinungsbild: Da sind solche, die elegant geschwungen und spitz zulaufend erscheinen, diese wirken eher glatt, sind fast schwarz mit weißen Schneeformen, die einen hübschen Kontrast bilden. Sie sehen aus wie an Land lagernde Riesenorkas. Und es gibt bräunliche Berge, die sehr zerklüftet und verwittert aussehen, zum Teil sehen wir steile Hänge, an denen die Gesteinsschichten erkennbar sind. Diese Berge fallen jäh ab – das umgebende Land bis zur Küste ist vollkommen flach. Einige wenige Berge sehen wir, die geradezu rot leuchten, fast von innen zu glühen scheinen. Sie sehen zum Teil so aus, als seien sie an ihren Platz „hingerieselt“, bilden also eine Kegelform. Auch am Fuss der Steilhänge haben sich durch Erosion diese Formen gebildet. Erinnert an den Sand, der sich im unteren Glas einer Sanduhr sammelt. Ganz klein erkennt man in dieser Kulisse in grosser Entfernung mal eine vereinzelte, winzige Kirche oder einen Wasserfall. Wir nutzen noch die Gelegenheit, Wäsche zu waschen, betrachten noch die in alten Glasschränken verwahrten Lehrmittel für den Natur- und Heimatkundeunterricht und brechen freudig auf. Eine Piste führt von der Schule zu einem Richtung Meer gelegenen Hof, der an einem küstennahen Binnensee liegt. Einmal mehr scheint die Luft von Vögeln zu schwirren, die gefürchtete Eissturmschwalbe nähert sich, das Schneehuhn kreuzt abermals den Weg, wir sehen Bekassinen und Goldregenpfeifer. Teilweise erscheint es so, als ob nicht wir Vögel beobachten, sondern umgekehrt...ich bin hell erfreut darüber, so viele Wasservögel beobachten zu können, die ich mehr oder weniger vom Hörensagen kenne. Das heisst ich kenne Aussehen und Namen, habe sie aber noch nie leibhaftig zu Gesicht bekommen. Am Hof vorbei gehen wir bis an die Küste und folgen dort eine ganze Weile ihrem Verlauf. Das Land bricht meist unvermittelt ab, fällt in einer Felskante zu einem schmalen Streifen Strand, der zumeist aus Steinen, Fels oder auch Kies besteht.
Die grosse Bucht, an die wir gelangt sind, ist jetzt eine schlammige Ebene. Weit draußen sehen und hören wir das Meer toben. Vor dem offenen Meer befinden sich in der trockengefallenen Bucht einige grasbewachsene Inseln und Felsformationen. Früher waren diese z.T. sogar bewohnt – fast wie Halligen! Anna sagt auch, dieses Panorama sei so, als habe man die Schweiz an die Nordsee versetzt. Das stimmt tatsächlich. Wir finden zahlreiche große Plastikkugeln, die wohl als Schwimmer für Fischernetze gedient haben – es ist sogar eine aus Glas darunter. Der Mann aus der Schule hat eine Stelle beschrieben, wo wir gut ins Watt wechseln könnten. Denn der zum Festland gelegene Teil des Watts sei sehr morastig, während es weiter draußen fast wie Beton sei, dies waren seine Worte. In einiger Entfernung entdecken wir eine Gruppe Reiter über den festen Teil des Watts ziehen – dort wollen wir auch hin. Ich ziehe meine Schuhe aus und beginne barfuss mit der Überquerung des Schlicks, Anna behält ihre Schuhe an - und beschimpft mich beim Einsinken, ich hätte einen Scheißweg ausgesucht. Jeden Tag gibt es eine Meinungsverschiedenheit aber dann folgt auch ein Ereignis oder eine Herausforderung, die den Ärger vergessen lässt. So auch jetzt. Der Boden wird zum Glück bald wieder fester. Ich finde es aufregend, auf dem vorübergehend trockenengefallenen Meeresboden umherzulaufen, Anna gibt sich norddeutsch-watterfahren. Eigentlich ist es leicht, sich zu orientieren, da der Eldborg und andere Berge gut zu sehen sind. Trotzdem lernen wir, dass Entfernungen schwierig einzuschätzen sind. Ich versuche gelegentlich unseren Weg und die Angaben, die der Mann uns gab, auf der Karte nachzuvollziehen. Anna will sich nicht von solchen Problemen ablenken lassen von der Schönheit der Kulisse. Tatsächlich ist das Panorama atemberaubend und der Kontrast zu gestern könnte kaum größer sein. Gestern maximale Verdrehungen, Spalten, Spitzen, Blöcke, unwahrscheinliche Formen – jetzt nur eine vollkommmen glatte Ebene mit schneebedeckten Bergen zur einen, den Inseln vor dem Meer auf der anderen Seite. Wir laufen beide barfuß, die strahlende Sonne heizt den Boden und kleinere Pfützen angenehm auf. Ein größerer Pril und ein Fluß, der sich bei Ebbe durchs Watt fortsetzt durchqueren wir problemlos mit hochgekrempelten Hosen. Verlockend ist der Gedanke, auf eine der jetzt zugänglichen Inseln zu laufen und dort zu bleiben, bis das Meer zurückkehrt. Von der Landseite springen immer wieder Landzungen vor, die meist mit einer felsigen Spitze ins Watt ragen.
Nachdem wir ca. 2 bis 3 Stunden gelaufen sind, können wir wieder aufs Festland gehen. Die hinter uns liegende Strecke durchs Watt hat uns die umwegreiche und unwegsame Strecke erspart, die wir hätten laufen müssen, wenn wir dem Verlauf der Küste gefolgt wären. Die erste der beiden Langafjördur-Buchten liegt nun also hinter uns. Wir lagerten gleich an Land an einem bewachsenen Hang, der zu beiden Seiten von Felsen geschützt war, und sahen zu, wie sich die Ebene, die wir gekommen waren, allmählich mit Wasser füllte. Wir dösten in der Sonne, schrieben Tagebuch oder schauten einfach umher. Ich meist durch das Fernglas. Ständig gab es etwas zu sehen: Zwei seltene Gänsesäger und im Gelände auch einen Polarfuchs - das einzige auf Island heimische Säugetier. Das Wasser in der Bucht war glasklar und spiegelglatt. Ich nahm ein kurzes, sehr kaltes Bad - an der Luft war es hingegen so warm, dass ich mich sogar von der Sonne trocknen lassen konnte. Das dies möglich sein würde, hätte ich mir bei unserer Ankunft noch nicht vorgestellt! Als ich so mit Badehose auf einem Fels saß, fiel mir aber auch auf, dass das Landesinnere Islands wolkenverhangen war und es dort zu regnen schien. Auf dem Meer jedoch nur klarer blauer Himmel und über der Küste auch, so weit wir sehen konnten. Der weitere Weg führt nun (nicht mehr in Sichtweite der Küste) auf eine Piste, die in Richtung eines einzeln gelegenen Hofes führte. Wir schauen nun auf vergleichbar karges Land, viele Hügel mit Felsen oder Kiesbänken, sonst Heide. Zwei schöne Kilometer - immer wieder sind wir von neuen Perspektiven angetan und halten nach Vögeln Ausschau. Der Hof kommt in Sicht, gerade löst sich dort ein Geländewagen. In dem Wagen sitzt ein Mann. Er hält auf unserer Höhe an, stoppt den Motor und schaut uns aus dem offenen Seitenfenster an. Wir schauen ihm in sein gerötetes Gesicht, das man wohl wettergegerbt nennen muß. Einen Moment sagt niemand etwas, dann sagt oder fragt er etwas auf isländisch; Anna fragt, ob er englisch spreche, ja. Er fragt, woher wir kommen und erfahren dann, dass er hier schon seit 50 Jahren Landwirt sei. Er fragt schließlich (da es schon spät ist), ob wir bei dem Hof bleiben möchten und sagt, da er ja offenbar im Aufbruch ist, dass seine Frau auf dem Hof sei und wir diese ansprechen könnten. Wir erklären ihm, dass wir die zweite Bucht überqueren wollen und zeigen ihm unsere Karte. Er schlägt uns einen Weg vor, den auch die Reitergruppen nehmen würden und gibt uns ein paar Hinweise. Wir verabschieden uns schließlich, er fährt davon, wir schlagen eine Art Feldweg ein, der zu einem verlassenen Hof führen soll. Beim Weitergehen überlegen wir, ob sich das Paar vielleicht darüber gefreut hätte, wenn wir noch auf den Hof gegangen wären. Das, was der Mann zu uns sagte, konnte man durchaus als Einladung verstehen. Nach kurzer Frist sehen wir den Geländewagen zurückkommen und halten es sogar für möglich, dass der Mann nur ausgeschwärmt war, um uns „abzufangen“. Eigentlich hätten wir ja nichts dagegen gehabt, mit Menschen zu reden, die hier leben... und es tut uns im Nachhinein etwas Leid, diese Chance nicht wahrgenommen zu haben.
Wir gelangen nach einiger Zeit zu dem verlassenen Haus. Es liegt direkt am Wasser. Hier ist alles vom Charme des Morbiden umweht – das Haus ist gezeichnet von Wind und Wetter. In diesem Augenblick ist es jedoch völlig windstill und mild. Die Fenster des Hauses sind unbeschädigt und wir können sehen, dass es innen sogar einfach möbliert ist, fast bewohnt aussieht - bollertsmühlenartig sagt Anna. Es sieht aus, als stammte die Einrichtung aus der Jugendzeit des älteren Mannes von dem Nachbarhof. Um das Haus verteilt sind die großen Wirbel eines Wals und zwei uralte Fischerboote im Zustand fortgesetzter Skelettierung. Ein sehr malerischer und fotogener Ort, der uns beiden in besonderer Erinnerung bleiben wird. Den weiteren Weg finden wir nach einer Pause anhand von Pferdespuren – das Land ist jetzt sehr, sehr karg – entweder Sumpfwiese oder Heide, sonst trockene Kieshalden. Selten etwas Vegetation und hier und da Felsen. An der zweiten Langafjördur-Bucht angekommen laufen wir solange an der Küste, bis wir uns endlich auf einen guten Platz zum Zelten geeinigt haben. In den letzten Stunden wurde die Fernsicht immer besser, so dass wir im Laufe des Abends das erste Mal den imposanten Gletscher am Ende der Halbinsel erahnen und ihn bald immer deutlicher sehen können. Unser Zelt bauten wir so auf, dass einer der Fernseher auf diesen Anblick ausgerichtet war. So hatten wir die breite Bucht mit dem Snaefellsjökull als Hintergrund für unser Abendmahl (Sojabrocken mit Tomatensauce und Polenta - wieder war Anna voll des Lobes).
Schon als wir an die Bucht gelangten, sah ich einen von erbosten Möwen verfolgten großen Vogel hinter einem der Hügel verschwinden – da dies in einiger Entfernung stattfand, konnte man sich nur ahnen, dass es ein Seeadler gewesen sein musste. Während noch die Sojabrocken einweichten, rief mich Anna aufgeregt aus dem Zelt: Gerade flog der Seeadler in nicht allzu großer Entfernung vorüber! Er war gerade damit beschäftigt, eine Schar Gänse zu jagen! Was wir uns freuten! Kam uns tatsächlich der Adler besuchen - für uns ein halbes Fabelwesen. Ob es einer derjenigen war, die im Lavafeld brüten und gelegentlich bei Stóra-Hraun Hasen holen? Nach dem Essen schrieb Anna Tagebuch und ich schaute mit dem Fernglas umher, der Gletscher wurde immer klarer sichtbar, auch Anna warf immer wieder einen Blick aus dem Fernseher. Ich peilte verschiedene Vögel an und konnte dadurch auch Rufe und Art in Verbindung setzen. Zufällig fiel mein Blick auf den Adler, der weit draussen in der trockengefallenenen Bucht saß. Mittlerweile war wieder Ebbe. Offenbar hatte er Beute, die er fraß, und wurde dabei immer wieder von Möwen oder Seeschwalben bedrängt, die ihn wohl von seinem Abendbrot vertreiben wollten. Irgendwann war sein Mahl beendet und auch die Neider ließen von ihm ab. Ungefähr eine halbe Stunde schien er dort nur zu verdauen, fast bewegungslos. Den Möwen hatte er gelegentlich gedroht, indem er seine Flügel ausbreitete. Der Gletscher war nun deutlich und ganz klar zu sehen, die Mitternachtssonne hatte sich zu einer Art Sonnenuntergang gesteigert und immer wieder machten wir uns auf neue Farbenspiele und Lichteffekte aufmerksam. Schließlich flog der Adler wieder los und war nun vor dem kegelförmigen Vulkan mit dem schneeweissen Gipfel, den das rote Licht der Sonne magisch beleuchtete – ein Motiv, fast zu schön um davon zu berichten. Anna konnte den Blick kaum lösen vom Gletscher, so dass sie der Adler schon nicht mehr so interessierte. Ich konnte sehen, wie er weit entfernt auf einen zweiten traf, der sich auch kurz in die Luft schwang, bevor beide im Watt landeten. Als Krönung des Abends und der ins Unwirkliche gesteigerten Lichtstimmung erschien auf der der Sonne entgegengesetzten Seite des Himmels ein Halo: Ein schmales rotes Lichtband, das einen auf dem Horizont sitzenden exakten Halbkreis bildete, ca. 40 Grad in der Höhe und ungefähr gleich in der Breite. Langsam verschwand die Himmelserscheinung wieder und wir schliefen todmüde ein. >>>>