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7. Tag | An der Küste dem Gletscher entgegen

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Am Morgen ist es arg kalt, es regnet noch, hört aber ab 7 Uhr auf. Von Osten her klart es auf. Ich verlasse das Zelt, hole Wasser, hänge unsere Sachen zum Trocknen raus und mache uns ein Heißgetränk. Anna hat gefroren und fühlt sich nicht gut, hat Schwierigkeiten mit dem Aufstehen und ist auch sonst reizbar. Zum Aufwärmen gibt es Suppe zum Frühstück. Bei starkem Wind und mit kalten Händen packen wir unsere sieben Sachen und ziehen los. Anna ist noch immer nicht ansprechbar, obwohl es mittlerweile trocknet und der Tag schön zu werden verspricht. Wir laufen auf einen Hof zu, der schon von unserem letzten Schlafplatz aus ganz klein zu sehen war und der sozusagen das Ende von Mittelerde markiert und der Beginn eines langen Strandbandes ist, das bis Budir führen wird. Ein übermütiger Hund, der zwar noch jung, aber doch recht groß ist, will mit uns spielen und heißt uns mit Sprüngen und freundschaftlichen Bissen willkommen. Anna hält ihm das Tischbein hin, an dem er begeistert kaut – aber leider auch in ihre Hand beißt, was schmerzhaft, aber glücklicherweise folgenlos ist. Das erste Mal, dass wir auf einem Gehöft Rinder sehen, vom Stall her hören wir die Vakuumpumpe der gerade in Betrieb befindlichen Melkmaschine. Um nach dem weiteren Verlauf des „Weges“ zu fragen, der wieder einmal nicht erkennbar ist, nähern wir uns und aus der Tür des Stalls schaut ein etwas erstauntes Frauengesicht, dem bald das eines älteren Mannes folgt. Wie immer fragt Anna auf Isländisch, wie es um das Englisch bestellt ist und ich trage das Anliegen mit Hilfe unserer Karte vor. Eine weitere Frau wird hinzugeholt – an den spitzen Gesichtern sehen wir, dass alle drei verwandt sind. Sie wischt sich die Hände an ihrer Arbeitskleidung ab, zupft an ihrem geblümten Kopftuch und erklärt in einfachem Englisch wo wir lang gehen müssten. Der Hund tobt immer noch um uns herum und als wir losziehen, haben die zwei Frauen Mühe, ihn zurückzurufen.
Über eine Weide gelangen wir an einen durch die Flut geschwollenen Bach – die erste von einigen weiteren Furten, die zwar nicht mehr angsteinflößend, aber zunehmend lästig sind. Rund herum ist der Boden hier fast vollständig von Orchideen bedeckt, die jedoch noch nicht blühen. Wir gehen weiter an diesem Bach, an Viehweiden entlang – langsam zeigt sich die Sonne, der Wind drückt, schiebt und umspielt uns aber nach wie vor mit grosser Kraft. Wir wechseln direkt an den Strand. Endlich. Ein geradliniger Strand – dieser wird uns von nun an über viele Kilometer begleiten.



Je nach Wasserstand ist das Band bis zu 100m breit und besteht aus orangenem und schwarzem Sand, teilweise entmischt er sich großflächig, dass Abschnitte entweder ganz orange oder dunkelgrau wirken, teilweise bilden sich Muster, die an die Maserung von Holz erinnern oder auch ganz einzigartig sind. Es gibt Abschnitte mit vielen runden blaugrauen Kieseln und Wackersteinen, vereinzelte flache Felsen ragen bis ins Meer hinein. Mal ist der Strand wie leergefegt, an anderen Stellen gibt es einen Saum von verschiedensten Algen, Treibgut und ab und zu einem toten Tier (wir finden 4 tote Basstölpel. Einem schaut noch das Plastiknetz aus dem Schnabel, an dem er verendete).


Das erste Mal auf unserer Reise sind wir der Brandung ganz nahe und schauen zur linken Seite direkt aufs offene Meer, rechts wird der flache Landabschnitt immer schmaler, die Berge rücken näher. Von den Sumpfwiesen, Seen und seltenen Höfen sowie der Straße sehen wir vom Strand aus wenig. Die Berge mit Schnee und Wasserfällen wirken dadurch umso ungewohnter als Hintergrund eines Strandspazierganges.
Anna hat viel Freude, am Strand nach Treibgut oder bemerkenswerten Steinen zu suchen, gleichzeitig heißt es zunächst zügig vorwärts kommen, da auf der Karte eine kleine Bucht verzeichnet ist, die wir am besten bei Ebbe überqueren. Diese erweist sich dann letztlich als große Sandfläche, die zwar Wüstenimpressionen weckt und auch bodennahe Sandstürme bietet, sonst aber völlig harmlos zu überqueren ist. Wir durchwaten den einen oder anderen Fluß; einmal muß ich ein paar hundert Meter zurückjoggen, weil ich Käptn Ahab liegen ließ. Wir mümmeln ein paar Nüsse, Bananenchips und getrocknete Tomaten, ansonsten kommen wir gut vorwärts und sind guter Dinge. Ziel ist heute ein Gästehaus, das auch Zeltplatz und Schlafsackunterkunft bieten soll. Da Anna am Morgen den Verdacht äußerte, sie könne krank werden und ihr die Kälte zusetzte, haben wir die Übernachtung dort erwogen.
Nach einigen ungetrübten Stunden dann eine böse Überraschung: unvorhergesehen teilt eine breite Wasserfläche den Strand – diesmal kein Fluß, sondern eher die Verbindung eines Sees zum Meer. Auf der Karte als harmlose Furt verzeichnet – wir erkennen aber, dass es unmöglich ist, dieses breite und dieses Gewässer von nicht näher bestimmbarer Tiefe zu überwinden. Die gestrigen Regenfälle haben alle Bäche und auch die Sumpfwiesen hinter dem Strand mit Wasser gefüllt. Zusätzlich drückt vom Meer nun die Flut das Wasser landeinwärts in den See hinein. Wir werden also versuchen diesen See zu umrunden. Fluchend stapfen wir durch den Sumpf, werden aus der Geradlinigkeit des Strandes in einen ärgerlichen Umweg gezwungen. Außerdem sind unsere Schuhe, die Wind und Sonne schön getrocknet hatten, wieder dem Wasser ausgesetzt. Eine halb wild erscheinende Herde Islandpferde und die Singschwäne reagieren irritiert auf unseren unerwarteten Besuch... Nach einer Weile stehen wir an einem Bach, der in den See mündet – viel zu tief, um hindurch zu kommen. Nun wird klar, dass uns ein kilometerlanger Marsch bevorsteht und wir auf die Landstraße ausweichen müssen. Wir springen teilweise von einem Grasinselchen zum nächsten, finden auch mal trockene Abschnitte, doch oft genug bleibt uns keine Möglichkeit, als durch die Pfützen zu schlurfen und zu bemerken, dass die Schuhe dabei nass werden. Ausnahmsweise bin ich es diesmal, der flucht, Anna trottet tapfer mit. Der Wind macht diese Tour zunehmend zur Tortour und Annas Kräfte schwinden. Zumal wir heute und auch den Tag zuvor wenig gegessen haben. Sie möchte und muß etwas essen und so beschließen wir, auf einem Hügel, an dem irgendwann wohl mal ein Hof stand und von dem wir die Schafe vertreiben eine Rast einzulegen. Zum Schutz gegen den Wind und zu Annas Erholung wird das Zelt aufgebaut und das Fertigessen „Erbseneintopf“ zuzubereitet.
Keine Frage: Das Wetter und die Landschaft sind auch hier beeindruckend und schön. Kräftige dunkle Wolken und durchbrechendes Sonnenlicht werfen immer neue Bilder an den Himmel und lassen die überschwemmten Sumpfwiesen und Schafe plötzlich golden aufleuchten. Dunkle Wolkenmassen, die sich sichtbar auf der Rückseite der nahen Berge gestaut haben und sich nach und nach zu lösen drohen, lassen mich aber auch einen Wetterumschwung befürchten. Die Erbsensuppe schmeckt uns beiden fabelhaft! Nach einer kurzen Pause packen wir ein und traben weiter Richtung Straße...wir sehen aus der Ferne, dass dort nur wenig Verkehr (ca. alle fünf Minuten ein Auto) herrscht. An der Landstrasse angelangt, stürze ich mich schon anhaltenderweise vor, da gerade ein Auto erscheint, und tatsächlich hält der Wagen an und die Leute wollen uns bis zum eigentlichen Ziel des Tages, dem Gästehaus, bringen.
Wir können nur kurz unsere Absicht und Herkunft schildern, dann beginnt der Mann zu erzählen, der gerade von seiner Frau und dem Sohn vom Flughafen geholt wurde. Er hat einem Freund in Grönland ein Haus renovieren geholfen, dass dieser kürzlich gekauft hat. Außerdem waren sie segeln. Offenbar hat er Bedrohliches erlebt und plaudert munter, aber nicht prahlend davon, wie sie beinahe vom Eis eingeschlossen wurden und wie der Zustand der dort einheimischen Bevölkerung ist (er illustriert letzteres mit einigen krassen Anekdoten). Die freundlichen Leute lassen uns bei dem Gästehaus, einer ausgedehnten Baracke im hier für Zweckbauten üblichen Stil aussteigen. Wir beschließen, eine „Schlafsackunterkunft“ zu belegen, ohne genau zu wissen, was das ist. Der Mann am Empfang, der wie sein Kollege am nächsten Morgen aussieht, als höre er gerne Metal, zeigt uns die einfache Küche, die noch einfacheren Badezimmer und schließlich unser Zimmer, ein schlichtes, aber geräumiges Hotelzimmer. Schlafsackunterkunft bedeutet also einfach „kein Bettzeug“. Wir breiten alle unsere Gepäckstücke und Kleider über Boden und Heizung aus. Anna braucht eine Weile, starrt vor sich hin und überlegt, was sie zuerst tun soll oder gar nichts tun sondern gleich schlafen wird. Wir glotzen noch ein wenig den Gletscher an, duschen heiß und ausgiebig. Anna schläft gleich im Anschluss ein, ich wasche noch Unterwäsche, hänge Sachen zum Trocknen auf und bereite den Frischkornbrei für morgen vor. >>>>