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8. Tag | An der Küste bis Budavik

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Wir hatten den Wecker auf 8.00 Uhr gestellt, da ich nicht so sicher war, bis wann man verschwunden sein müsste...zum Glück gab es aber auch keine Abmachung diesbezüglich – die Übernachtung in dem eigentlich total überheizten Zimmer, das wir zur Waschküche umgebaut hatten, hat gut getan! Ich bin noch so erschlagen vom letzten Tag, dass ich eigentlich am liebsten noch den ganzen Tag hier liegenblieben möchte. Das geht natürlich nicht - aber immerhin noch eine ganze Weile, da Simon freundlicherweise erstmal aufstehet, anfängt, aufzuräumen und Frühstück macht. Alles ist tatsächlich wieder trocken! Als ich später am Packen bin, habe ich das Gefühl, nicht schnell genug zu sein für Simon, der schon wieder „Hummeln im Hintern“ hat...toll ist, dass wir von den netten Leuten sogar Öl bekommen, damit wir nun endlich mal vernünftiges Pfannkuchenbrot zustande kriegen in der Selbstversorgerküche mit richtiger Pfanne auf einem beinahe richtigen Herd. Dieser scheint ein Amerikaner zu sein, da die Gradangaben auf den Knöpfen relativ hoch sind – Fahrenheit? Und alle 20 Minuten beginnt er zu schwächeln, wenn man ihn nicht mit kleinen Metallchips füttert, die herumliegen, für uns aber nichts extra kosten. Als wir uns auf die Kochbedingungen eingestellt haben, gelingen uns auch schöne Küchlein, sogar in zwei Sorten: „Kuchen“ und „Pizza“; zum Verpacken steht Alufolie bereit. Dann brechen wir auf, unterhalten uns noch ein bisschen mit der Rezeptionsfrau, die mit uns unsere schlechte Karte begutachtet und noch ein paar gute Tipps geben kann. Als Reiterin hat auch sie einen Gezeitenkalender. Hilfreich für uns, da wir heute noch einige Gebirgsbachausläufer durchwaten werden müssen, die ein bisschen gezeitenabhängig sind, was den Wasserstand betrifft. Es gibt einen Pfad zum Strand hinunter, der auch hier goldig aussieht. Ich bin immer noch völlig fasziniert von dem Bild, das die Landschaft hier bietet: links das weite, unterschiedlich blaue Meer, aus dem die Wellen heranrauschen, rechts die Kette aus riesigen Bergen, die so unterschiedlich geformt sind und deren Farbpalette so viele braun, rot, gelb und grün-Töne bzw. auch schwarz-weiss beinhaltet. Sie schicken ihre mächtigen Bäche, die man oben nahe der Gipfel wasserfallartig herunterstürzen sieht bis ins Meer, wohin sie sich unten plätschernd durch große Kieselsteinbetten ergießen und uns zum Hindernis werden. Vorne in Sicht ist auf dem ganzen Weg der majestätische Gletscher, der alles mit seinem leuchtenden Weiß zu überstrahlen scheint. Der Himmel ist stellenweise blau und auch die Sonne scheint, ihre Wärme konkurriert aber mit eisigem Wind. Ich friere. Dagegen hilft die winddichte Regenhose ganz gut. Das ständige Durchwaten der Bäche gestaltet sich durch die erforderlichen Umkleideaktionen etwas nervig. Einer der ersten Bäche ist tiefer, als ich dachte, so dass mein aufgekrempeltes rechtes Hosenbein wieder triefend nass wird. Ich brülle wie am Spieß vor Wut!!! War ich doch morgens noch so froh, dass die Hose endlich wieder trocken war...bei einer folgenden Situation, wo der Wasserstand eher hoch zu sein scheint, ziehe ich die Hose lieber gleich ganz aus. An dieser Stelle muss noch unbedingt von zwei Fischleichen berichtet werden – eine schon mehr, die andere noch nicht ganz so vertrocknet: An der Mündung einer der Flüsse lag ein etwa 1,20 langer Wal hingestreckt, den schon Möwen angepickt hatten. Der schwarz-weissen Färbung nach handelte es sich um ein Orka-Baby
das nun schon schwarz-grün aussah. Die Haut war im trockenen Zustand nicht mehr glatt und glänzend, sondern wie Schleifpapier.
Später fanden wir einen ca. 1 m langen schon halb skelettierten Seewolf, bei dem vor allem das blanke, martialische Gebiss unsere Blicke auf sich zog. In die Kiefer war eine wirklich maximale Anzahl ebenso robuster wie spitzer Zähne gefügt, die in alle Richtungen wiesen. Dass diese Anordnung beim Kauen praktisch ist, lässt sich nur schwer vorstellen – den Eindruck, den dieses hauptsächlich aus Gebiss bestehende Wesen machte, war jedoch ein sehr boshafter, furchterregender.



Kurz vor Budir mit der kleinen schwarzen Holzkirche und dem weißen Hotel, das überregional für seine Spezialitäten der traditionellen isländischen Küche einen guten Ruf genießt, muss für heute der letzte Bach überwunden werden. Simon denkt, man könnte es mit Schuhen trockenen Fußes schaffen, wenn er nur genug Steine und eine alte Holzpalette hineinwirft. Sichtlich erfreut, „randaliert“ er strahlend herum. Ich setze mich derweil ganz entspannt auf den trockenen Teil des Kieselbetts, was erstaunlich bequem ist und genieße den schon beschriebenen Anblick besonders intensiv; die Sonne steht hoch über mir und wärmt mein Gesicht – sie lässt den Bach und das Meer silbrig schimmern. Ich betrachte die beiden gegenläufigen Strömungen und wie Meer und Berge hier vor dem Gletscher zusammentreffen; der Snaefellsjökull ist klar mit beiden Hörnern zu erkennen. Ich bin sehr gerührt in diesem Moment. Simon setzt sich auf meine Aufforderung hin kurz dazu, kann aber nicht soviel damit anfangen – er döst ein bisschen. Dann geht es weiter durch den Bach und schließlich, als die schwarze Kirche und das Hotel zum Greifen nahe scheinen, müssen wir zur Strasse hin abbiegen, um weiträumig dem nächsten, zu tiefen, Gewässer auszuweichen – dies war z.B. ein Rat der Frau aus der Lángahólt- Unterkunft. Ein grosser Umweg, der aber interessante Blicke auf die Gebirgskette zu bieten hat. Simon hätte Lust, in dem berühmten Hotel einzukehren auf einen Kaffee – mir gefällt es nicht, so schmuddelig in Wanderkluft dort aufzutauchen. Es wird ohnehin zu spät dafür. Die Rucksäcke werden immer schwerer und meine Füße tun mir so weh, als würden sie in zu kleinen Eisenschuhen stecken. Vor allem habe ich wieder wahnsinnigen Hunger, es ist schon gegen 21 Uhr. Über den Tag hatten wir nur das Pfannkuchenbrot und ein paar Nüsse. Wenig, wenn man die ganze Zeit mit Gepäck läuft und läuft und läuft...Mangos haben wir auch die ganze Tüte verputzt. Sie sehen im trockenen Zustand auch Trockenfisch ähnlich.  






Budavík – einer der schönsten Orte, die ich jemals gesehen habe! Hier treffen alle möglichen Extreme und landschaftlichen Kontraste aufeinander: Die bunten Kakaoberge mit dem tosenden Ozean, der strahlende Gletscher mit dem Lavafeld des ...Vulkans, der halbkugelförmig wie ein ...er hat eine kreisrunde Grundform, steile Ränder und ist auch oben in jede Richtung abgerundet - nichts hat so eine Form!
Durch das Lavafeld führen verschiedene Wanderwege, die vom Hotel und der Kirche ausgehen. Der größte Teil des Lavafeldes ist Naturschutzgebiet. Die Kirche sieht aus, als wäre Sira Jon Primus für sie zuständig: wir können nur die Fenster hineinspähen, können uns aber vorstellen, dass Laxness sie zum Vorbild für seine im Roman vorkommende Kirche genommen hat. Nur, dass hier das Inventar noch unversehrt ist. Ein kleiner Friedhof schließt sich an. Einen schöneren Ort kann man sich wohl für die letzte Ruhe kaum vorstellen. Manchen Hinterbliebenen scheinen Ozean, Berge, Lavafeld, Vulkan und Gletscher jedoch nicht genug – so findet sich auf manchen Gräbern Grabschmuck in Form von Gartenzwergen, Englein und Turteltauben. Wir beginnen den Weg durchs Lavafeld. Es sieht verwunschen aus, ebenso mit Spalten versehen und mit Moos bewachsen, wie das des Eldborg. Von hier aus blickt man jedoch auf den Ozean, den Vulkan und den Gletscher, der wieder strahlend und leuchtend seine Spitze mit den Hörnern zeigt. Dass sein Leuchten die Blicke auf sich zieht stimmt und ist auch bei Laxness so beschrieben.
Die Stimmung an diesem ohnehin unwirklichen Ort wird von absoluter (Wind-)Stille und einer intensiven, farbverstärkenden Beleuchtung getragen: Die sehr tief stehende Sonne (es ist nach 22 Uhr) strahlt die Wolken von unten an, und diese sorgen für das indirekte, gelbliche Licht, das keine Schatten wirft. Das Meer ist glatt, das Lavafeld rau – der Gletscher ein Kegel, der Vulkan eine Kugel - alles verbunden durch die Kette schroffer Berge, die die Küste flankieren. Teilweise erinnert der Pfad und das Lavafeld an eine künstlich angelegte Gartenlandschaft mit liebevoller Bepflanzung, geharkten Seramisbeeten und arkadischen Ausblicken. Ich muss an japanische oder chinesische Gartenbaukunst denken. Angenommen ich wäre vollkommen unvermittelt an diesen Ort gezaubert worden – ich glaube, es wäre mir schwergefallen, zu erraten, wo ich bin auf der Erde. Erwähnt werden sollte noch das bei der Kirche gelegene Sommerhotel, das von außen einen gepflegten aber geschmackvollen Eindruck macht. Nichts weist auf einen unangemessenen Rummel oder Spuren schonungsloser Vermarktung hin. Wir bemerken auch nichts, was den hier erwarteten Fremdenverkehr unangenehm bemerkbar macht. Auch wenn wir im Zuge der Vorbereitung unserer Reise Anderes erwartet haben – hier ist es doch (noch) sehr ruhig und abgelegen.
Der weitere Weg durch das Lavafeld ist - so schön er auch ist – beschwerlich. Wie schon gestern sind wir bereits 20 km gelaufen und vor allem Anna hat ihre Kräfte überschätzt, wir machen mehrere kleine Pausen. Direkt hinter der Grenze des Naturschutzgebietes finden wir im sonst absolut zeltungeeigneten Lavafeld einen kleinen ebenen Platz, der gerade ausreicht. Hier bleiben wir. Abendessen “Nudeln mit Soja-Bolognese“ o.ä. ist die absolute Erlösung jetzt mal endlich um 24 Uhr! Ich war schon wieder total unterzuckert gewesen mit Flimmern vor den Augen...die jetzt schnell zufallen. >>>>